Heinz Strunk – Der goldene Handschuh

Familie & Freizeit von Fabian am 07.07.2016

AN! und für sich dreht sich ja gerade alles nur noch um Fußball. Damit das geistige Niveau nicht völlig vernachlässigt wird, und die zwei, drei nicht Fußballinteressierten sich nicht langweilen, an dieser Stelle nun ein Lesetipp:

Heinz Strunk hat nämlich einen Roman geschrieben. Das ist an sich nichts Außergewöhnliches, das hat er bereits sechsmal getan. Und normalerweise ist das auch nichts wirklich Aufregendes, und die Notwendigkeit einer Berichterstattung hält sich entsprechend in Grenzen. Außer seinem Debüt „Fleisch ist mein Gemüse“ waren seine bisherigen lyrischen Ergüsse zugegebenermaßen eher belanglos. Strunks Buch über seine bitterbösen und heiteren Erlebnisse als Musiker auf Tour mit der Band Tiffanys war allerdings so überaus erfolgreich, dass es bereits verfilmt und sogar als Theaterstück aufgeführt wurde. Zuvor ist der Hamburger über die Stadtgrenzen hinaus höchstens als Mitglied von „Studio Braun“ aufgefallen, einem nennen wir es einmal Comedytrio, das sich vor allem durch Telefonstreiche einen Namen gemacht hat. Heinz Strunk war eine unterhaltsame Mischung aus Musiker, Schreiberling und Blödelbarde – bis hierhin. Umso erstaunlicher, was der Schriftsteller, und so darf er sich spätestens ab jetzt mit Fug und Recht nennen, mit seinem aktuellen Werk vorlegt. „Der goldene Handschuh“ ist alles andere als Witz und Unterhaltung. Er erzählt die Geschichte des Frauenmörders Fritz Honka, der in den 1970er Jahren vier Frauen in Hamburg umbringt, zerstückelt und verscharrt. Das Milieu in dem Honka lebt – oder sollte man besser sagen vegetiert!? – ist das der Arbeitslosen, Alkoholiker und Prostituierten, und zwar der Allerschlimmsten, die selbst für Reeperbahnverhältnisse ihresgleichen suchen.

In der Kiezkneipe Der goldene Handschuh fristet Honka sein Dasein, betrinkt sich mit FaKo (Fanta-Korn) und lernt Frauen kennen. Darunter auch seine späteren Opfer, heruntergekommene (Gelegenheits-) Prostituierte jenseits der 50, die sich für Schnaps und ein Dach über dem Kopf auf so ziemlich alles einlassen. Fritz Honka benutzt die Frauen, erniedrigt sie, und wenn sie ihm zu unbequem oder gar aufsässig werden, tötet er sie. Weil die Leichen für den schmächtigen, durch den Alkohol körperlich geschundenen Mann zu schwer sind, zersägt er sie mit einem Fuchsschwanz und verteilt die abgetrennten Köpfe, Brüste und Arme in der näheren Umgebung. Einige Körperteile behält er in seiner Wohnung. Um den Leichengestank zu übertünchen, finden sich in Honkas Wohnung auffällig viele Lufterfrischungssprays. Fünf Jahre, vom ersten Mord 1970 bis zum letzten 1975, bleibt der Mörder unentdeckt, und auch dann ist es kein Fahndungserfolg der Polizei, sondern reiner Zufall, der Honka zur Strecke bringt. In seinem Wohnhaus brennt es und die Feuerwehr stolpert bei den Löscharbeiten über die verwesten Leichenteile.

Heinz Strunk_Der goldene Handschuh
Fritz Honka vor Gericht. Kl. Foto: Heinz Strunk (Foto: Stern)

Heinz Strunk ist ein Erzähler, der detailliert, gut recherchiert und vor allem mit einer bemerkenswerten Portion Empathie das Leben und Morden Fritz Honkas schildert. Als Halbwaise, dessen Vater Alkoholiker war und als Kommunist im KZ umkam, mit 17 Jahren aus der DDR nach Westdeutschland geflohen, ohne richtige Ausbildung, immer ein gesellschaftlicher Außenseiter, führte Honka das Leben eines notorisch Unglücklichen, der nie eine Chance, eine Hoffnung hatte. Der goldene Handschuh schildert auf lakonische und tragikomische, nüchterne bis abstoßende Art und Weise von der Talsohle der Gesellschaft. Dabei schafft Strunk es, eine unglaubliche Nähe zum Täter, zum Milieu und vor allem zur Tat zu erzeugen. Er hat natürlich keinerlei Sympathie mit dem Frauenmörder, vielmehr schafft er eine realistische Darstellung dessen Lebensumstände. Mehr noch, Strunk führt dem Leser vor Augen, dass nicht viel dazu gehört, zu Fritz Honka zu werden. „Warum muss es überhaupt Menschen geben, die so sind?“, fragt das Eingangszitat des Buches. Uns lassen Verstand, Intelligenz und Moral vor einer solchen Tat zurückschrecken, aber wenn diese Faktoren wegfallen, und Alkohol und Sozialisation ihr Übriges dazu beitragen, sinken Hemmungen und Grenzen gleichermaßen. „Der goldene Handschuh“ beschreibt die Abgründe der menschlichen Natur in schonungsloser Weise und ist dabei ein außergewöhnliches Leseerlebnis. Allerdings sollte man nicht zu zart besaitet sein.