Die wollen doch nur spielen! Böhmermann, Erdogan und all die anderen

Familie & Freizeit von Fabian am 06.05.2016

AN! diesem Thema kommt keiner vorbei. Die Böhmermannaffäre sprengt mittlerweile derart den medialen und politischen Rahmen, dass man sich fragt, haben die nichts Besseres zu tun?! Täglich neue Informationen, Meinungen und Prognosen bezüglich der zu erwartenden Folgen von Böhmermanns Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten Erdogan. Man könnte meinen, der Untergang des Abend- und Morgenlandes stünde auf dem Spiel. Grundsatzdiskussionen und Kontroversen über die Freiheit der Kunst und die persönliche Meinungsfreiheit bestimmen die großen TV-Talkshows und den täglichen Gossip. Nachdem sich die Bundeskanzlerin, Dieter Hallervorden und sogar der Zentralrat der Ziegen bereits zu Wort gemeldet hatten, twitterte auch noch Rapper Bushido seinen fachmännischen Rat durch den Äther: „Fickt Euch ihr Feuilleton Lutscher!“ (sic!). Er fühlte sich ungerecht behandelt, weil seine Songs auf dem Index landen, Böhmermanns Gedicht aber zur Kunst erklärt wird. Man merkt deutlich, es geht längst nicht mehr um Inhalte, vielmehr entsteht der Eindruck, dass wirklich jeder seinen Senf dazu geben muss, um nicht außen vorzustehen. Keep calm! wäre wirklich angebracht – es geht schließlich nur um ein Gedicht! Niemand hat es treffender auf den Punkt gebracht als Oliver Kalkofe: „Aus einem Furz ist ein Hurricane geworden“. Deshalb soll das Ganze an dieser Stelle auch abgekürzt werden, und die im Raum stehende Frage – Was darf Satire? – schnell abgearbeitet werden, denn die Antwort ist so alt wie einfach: Alles! Frei nach Kurt Tucholsky muss die Satire übertreiben und in ihrem tiefsten Wesen ungerecht und gemein sein. Inhaltlich und geschmacklich kann ja jeder von Böhmermanns Aktion halten was er will, aber es sollte ebenso klar sein, dass Satire keine Strafe mit sich zieht.

Ekaterina Pokrovsky
Quelle: Ekaterina Pokrovsky

Das eigentliche Problem der ganzen Angelegenheit liegt doch ganz woanders. Die haben nämlich wirklich nichts Besseres zu tun. Politiker, Medien, Prominente und auch der türkische Präsident Erdogan befinden sich nach den turbulenten Zeiten von Wirtschafts- und Flüchtlingskrise in einer persönlichen Schaffenskrise, und sind vor lauter Langeweile am Verzweifeln. Für Menschen in exponierten Positionen ist es unglaublich belastend, nichts sagen oder kommentieren zu dürfen, und dadurch nicht wahrgenommen zu werden. Erdogan ist da keine Ausnahme. Da es im eigenen Land ja bestens läuft, hat er sich verständlicherweise mal im Ausland umgeschaut, ob nicht hier und da seine Kompetenz gefragt ist. Nach dem Schlagabtausch mit Jan Böhmermann, erregten nun tatsächlich die Dresdner Sinfoniker seine Aufmerksamkeit. Die hatten sich erlaubt, in dem Konzertprojekt Aghet, das den Völkermord an den Armeniern durch die Türken thematisiert, von Genozid zu sprechen. Allerhand – so was macht man doch nicht unter Freunden. Da kann man Erdogans Ärger schon verstehen. Schließlich haben die Türkei und Deutschland gerade gemeinsam die Flüchtlingskrise gelöst.

Wie dem aus sei, alle haben etwas zu schreiben, sich aufzuregen und ihre Meinung kundzutun. Das mit den Meinungen ist ja so eine Sache; bekanntlich gehen die auseinander. Monatelang haben uns Journalisten und Politiker eloquent über die Flüchtlingsproblematik informiert: Guter Flüchtling, böser Flüchtling; wir schaffen das – ach ne, wir schaffen das doch nicht; Ober-Untergrenze, Schüsse an der Grenze; böse AfD, vielleicht doch nicht so böse AfD?! Zugegeben, es wurde teilweise etwas unübersichtlich, aber dafür war richtig was los. Insbesondere für Politiker sind das herrliche Zeiten, denn sie haben das Gefühl, gebraucht zu werden. Die Bürgerinnen und Bürger stellen Fragen, haben Angst und wissen nicht, wem sie glauben sollen. Ein Traum – deshalb wird man doch Politiker – weil man Antworten liefern möchte, und zwar Bessere als der politische Gegner. Und wo macht man das am publikumswirksamsten? Richtig, in den Medien. Zeitungen, Fernsehen und das Internet überschütten uns mit einer Flut an Informationen. Herauszufinden, was davon richtig oder falsch ist, ist eigentlich unmöglich. Darum geht es auch gar nicht, es geht um Unterhaltung, um Stimmung machen, und darum den ganzen Zirkus am Laufen zu halten. So funktioniert das System und wir alle leben davon.

Andrey_Popov
Quelle: AndreyPopov

Nun deutete sich ein vorgezogenes, mediales und politisches Sommerloch an, die interessanten Themen wurden weniger, die ollen Kamellen verloren an Brisanz, und dadurch gerieten alle etwas in Panik. Die Medien hatten nichts zu berichten, die Politiker nichts zu kommentieren, und auch unsere Prominenten schwiegen. Seit Wochen keine Facebook-Posts mehr von Til Schweiger, man bekam es wirklich mit der Angst zu tun. Doch Allah sei Dank, erlöste uns Erdogan aus dieser Stagnation und rettete mit seinen persönlichen Befindlichkeiten das System vor dem kollektiven Kollaps. Die Medien freuen sich, Politiker schlagen Purzelbäume, endlich tut sich wieder etwas. Die Langeweile wie weggewischt. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Aus diesem Grund sollten wir etwas freundlicher und dankbarer Erdogan gegenüber sein. Er ist doch nicht der Irre vom Bosporus, wie von Martin Sonneborn im Europaparlament formuliert. Nein, Erdogan ist der Sultan vom Bosporus und als solcher darf er den Pöblern dieser Welt natürlich nicht alles durchgehen lassen. Majestätsbeleidigung ist schließlich kein Kavaliersdelikt. Und wenn jemand Verständnis für Allmachtsfantasien haben sollte, dann doch wir Deutschen.