EM 2016: Der Fluch ist besiegt. Italien out!

Familie & Freizeit von Fabian am 05.07.2016

AN! die EM 2016 in Frankreich werden wir Deutschen uns noch in Jahrzehnten erinnern. Und das nicht, weil das Turnier mit einer Rekordteilnehmeranzahl von 24 Mannschaften als das qualitativ schlechteste und langweiligste aller Zeiten in die Fußballhistorie einging, auch nicht, weil die Zwergenfußballnationen Island, Irland und Wales mit ihrem sympathischen und erfolgreichen Auftreten die Massen begeisterten, ja nicht einmal, weil Deutschland zum vierten Mal Europameister wurde. Nein, ein feistes Grinsen macht sich künftig im Gesicht eines jeden deutschen Fußballfans breit, wenn er an den Elfmeterkrimi von Bordeaux denkt. Viertelfinale Deutschland gegen Italien. 1:1 nach 120 Minuten, 7:6 nach Elfmeterschießen –  bääämm, Italien ist raus, Deutschland im Halbfinale! Der ein halbes Jahrhundert währende Fluch besiegt, die Statistik auf den Kopf gestellt. Seit 1962 konnte die deutsche Nationalmannschaft keines der acht Pflichtspiele bei großen Turnieren gegen die Azzurri gewinnen. Jogis Jungs haben am Sonntag Geschichte gespielt. Und was waren das für Schlachten in der Vergangenheit! Das als „Jahrhundertspiel“ in die Annalen der Fußballgeschichte eingegangene Aufeinandertreffen im Halbfinale der WM 1970 in Mexiko, hatte seinerzeit sicherlich einige Herzattacken ausgelöst. 4:3 gewannen damals die Italiener in einer Verlängerung, die heute noch ihresgleichen sucht. Fußballwahnsinn pur! Dann 1982 das verlorene WM-Finale in Madrid. Rossi und Co. zeigten der deutschen Mannschaft um Rummenigge und Breitner die Grenzen auf.

Der Höhepunkt dieser Negativserie war definitiv erreicht, als die Italiener unser Sommermärchen 2006 zerstörten. Diese verdammte 119. Minute, als Schweinsteiger falsch steht, und ein italienischer Nobody namens Fabio Grosso den Ball an Torwart Jens Lehmann vorbei ins lange Eck schlenzt, hat sich unauslöschlich in das kollektive Gedächtnis der geschundenen deutschen Fußballnation gebrannt. In diesem Moment hätte man in Deutschland eine Stecknadel fallen hören können. Der totale Schock – aus und vorbei. Sommermärchen adieu. Die Klinsmänner waren draußen, und das bei der Heim-WM, und ausgerechnet gegen den Erzfeind Italien. Bis dahin hatten sich die deutschen Fußballfans immer etwas damit trösten können, dass man zumindest 1990 in Rom, der Hauptstadt des Rivalen, Weltmeister geworden war, doch nun ereilte uns dasselbe Schicksal. Italien feierte 2006 in Berlin seinen vierten Weltmeistertitel; Tränen beim Spiel um Platz drei der Deutschen in Stuttgart. Dass wir bei der EM 2012 im Halbfinale erneut gegen die italienische Mannschaft verloren, nahm man irgendwie nur noch als Randnotiz wahr. Deutschland war verflucht.

EM_Deutschland - Italien
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Es scheint wie verhext und in Zement gemeißelt. Gegen Italien hat Deutschland im Fußball einfach keine Chance. Was wirklich erstaunlich ist, denn ansonsten sind wir den kleinwüchsigen, arbeitsscheuen und chaotischen Italienern in nahezu allem überlegen. Wirtschaft, Krieg, selbst die Bundesliga hat die Serie A längst eingeholt – die Zahlen sprechen ganz klar für Deutschland. Lediglich beim Alpinen Sport und in Sachen Essen hat Italien leichte Größenvorteile. So wundert es nicht, dass es im Vorfeld der jetzigen Partie bei der EM 2016 Überlegungen gab, auf das Spiel und die darauffolgende Schmach einfach zu verzichten, und die Italiener am grünen Tisch zum natürlichen Sieger zu erklären. Glücklicherweise entschied man sich die Sache auszuspielen, schließlich hatten die Fans Eintritt bezahlt, und so kam es nun zum erneuten Aufeinandertreffen mit den Azzurri. Der gegenseitige Respekt war groß. Von deutscher Seite sowieso, aber auch die Italiener hatten die bisherigen guten Auftritte der deutschen Elf gesehen, und wussten, dass es eine ganz enge Kiste werden würde. High Noon am Sonntagabend um 21 Uhr. Fußballdeutschland schwitzte, und das hatte nun wirklich nichts mit den aktuellen Temperaturen zu tun. Real 17 Grad, gefühlt 37. Es war eine Mischung aus Angst und Schweiß, die sich wolkenartig von Flensburg bis nach Garmisch zog.

Doch was dann kam, vertröstete die geschundene Nation. Deutschland dominierte den italienischen Riesen, ging in Führung, und es sah lange nach einem verdienten 1:0-Sieg aus, bevor Abwehrrecke Boateng von allen guten Geistern verlassen im eigenen Strafraum die Sportart wechselte, und auf Handball umstellte. Erneuter Schock. Diese Italiener. Jetzt kriegen sie einen Handelfmeter und die Geschichte würde ihren normalen Verlauf nehmen. Tor Bonucci. Viele deutsche Fans kuckten gar nicht mehr hin, bestellten sich eine Pizza, und studierten schon mal den Spielplan für die WM-Qualifikation. Dann Abpfiff nach 120 Minuten. Überraschenderweise hatte Italien nicht gewonnen, und es regte sich Hoffnung bei den deutschen Fans. Elfmeterschießen – das können wir doch! Und tatsächlich, obwohl wir das schlechteste Elfmeterschießen aller Zeiten ablieferten, waren die Italiener noch schlechter, und am Ende siegte Deutschland mit 6:5. Unglaublich, Generationen von Fußballfans lagen sich in den Armen und feierten den langersehnten Triumph. EM 2016! Der Bann ist gebrochen, ab jetzt wird mit Fahnen und Fanfaren in jede weitere Schlacht gegen den Italiener gezogen. Statistiken sind nun einmal da, um gebrochen zu werden. Blöd nur, dass wir ausgerechnet gegen unseren Halbfinalgegner Frankreich seit 1966 nicht mehr verloren haben.