Fußballskandale und kein Ende

Familie & Freizeit von Jennifer am 21.12.2015

AN!stoß in die Skandalverlängerung. Fußball hat längst seine Unschuld verloren und aus der schönsten Nebensache der Welt ist mittlerweile ein Milliardengeschäft geworden. TV-Gelder, Werbeeinnahmen und astronomische Spielergehälter schufen aus einem simplen Spiel mit einem Ball ein Monster, dessen komplexe Strukturen, Einflüsse und vor allem Finanzen niemand mehr durchschaut. Wettskandale, Spielmanipulationen und Handgelder wie sie beispielsweise der italienische Fußball schon seit 40 Jahren kennt, erschütterten im Jahre 2005 in bis dahin unbekanntem Ausmaße auch den deutschen Fußball. Damals wurde gegen den Bundesligaschiedsrichter Robert Hoyzer wegen Spielmanipulationen ermittelt. Er gab zu, Fußballspiele, auf die zuvor gewettet worden war, entsprechend verschoben zu haben. Hoyzer wurde zu einer Freiheitsstrafe von 2,5 Jahren verurteilt und lebenslang gesperrt. Involviert waren noch weitere Schiedsrichter sowie Personen aus teilweise mafiösen Strukturen und es kam zu mehreren Verurteilungen. Die sogenannte Hoyzer-Affäre gilt als der größte Skandal in der Bundesligageschichte.

Hoyzer

Nun wird der Lieblingssport der Deutschen zum zweiten Male von dunklen Wolken überschattet. Ausgerechnet das Sommermärchen 2006, der Sommer der Liebe und der Völkerverständigung, soll uns nicht durch göttliche Fügung, sondern aufgrund dubioser Geldflüsse gegeben worden sein. Im Volksmund galt Franz Beckenbauer bisher als der Messias, der uns die WM beschert hat. Seit 1992 war beim DFB die Idee gereift, sich als Ausrichter für die Weltmeisterschaft 2006 zu bewerben. Quasi als Hand Gottes hatte der Kaiser in den folgenden Jahren die halbe Welt bereist, mit usbekischen Schafshirten gespeist und buddhistischen Mönchen gekickt, um Werbung für Deutschland zu machen. Als Fifa-Chef Sepp Blatter Anfang Juli 2000 in Zürich verkündete, dass die WM 2006 in Deutschland stattfinden würde, weinte nicht nur der Kaiser vor Rührung, sondern auch alle seine Untertanen. Es war geschafft: Zum zweiten Mal nach 1974 fand die WM im eigenen Land statt. Damals wurde Deutschland Weltmeister, nichts anderes erwarteten die Fans und das ganze Land für 2006. Um das zu realisieren, wurde extra Jürgen Klinsmann, Weltmeister als Spieler 1990, als Teamchef installiert. Es war alles angerichtet. Let the dream come true!

Sommermärchen

Was dann folgte, war wirklich ein Sommermärchen. Vier Wochen lang regierte König Fußball Land und Leute. Nachdem es vorher tagelang regnete, hatte Gott, Petrus, das Universum, oder wer auch immer dafür zuständig war, es gab nicht wenige, die Franz Beckenbauer auch für das schöne Wetter verantwortlich machten, ein Einsehen und am Tag des WM-Eröffnungsspiels schien die Sonne, und sie sollte für die gesamte Dauer des Turniers nicht mehr untergehen. Bei teilweise tropischen Temperaturen feierten die Fans aus aller Herren Länder ihren Sport und sich selbst. In den Stadien und auf den Straßen herrschten karnevalartige Zustände, es war ein einzigartiges Fest der Sinne. Die deutsche Nationalmannschaft spielte den schönsten Fußball seit Kaisers Zeiten und für alle war klar, es konnte nur einen Weltmeister geben. Bedauerlicherweise hatten die Italiener etwas dagegen und ein gleichermaßen untalentierter wie unbekannter Verteidiger namens Grosso zerstörte im Halbfinale von Dortmund in der 119. Minute der Verlängerung alle deutschen Hoffnungen. In diesem Moment war es so still in Deutschland wie seit der Kapitulation am 8. Mai 1945 nicht mehr, und für viele endete mit dieser totalen Niederlage auch ihr persönliches Sommermärchen.

Deutschland Italien WM

Emotion pur – und das soll alles eine Lüge gewesen sein? Nein, wenn es auch laut Adorno kein richtiges Leben im falschen gibt, trifft das auf die WM 2006 nicht zu. Was auch immer an den Gerüchten um die WM-Vergabe dran ist, ob der DFB mit schwarzen Konten gearbeitet hat, Abstimmungen manipuliert worden sind, oder selbst der heilige Franz seine Finger im Spiel hatte, es wertet die Atmosphäre und die Wirkung der WM in Deutschland nicht herab. Das Sommermärchen gehört den Fußballfans und nicht den Funktionären. Die ersten Köpfe rollen bereits, DFB-Präsident Wolfgang Niersbach ist zurückgetreten, und es werden weitere Anhörungen und Ermittlungen folgen. Dass schlussendlich Licht in die Sache gebracht werden wird, scheint zweifelhaft. Zu viele Beteiligte leiden unter Gedächtnisschwund oder waren nicht zuständig. Dass die Vergabe von Weltmeisterschaften seit jeher nicht nur aus rein sportlichen Gründen erfolgt, sondern politische, wirtschaftliche und eben auch persönliche, finanzielle Aspekte eine Rolle spielen, ist eigentlich jedem nicht völlig beschränktem Beobachter klar. Das Fifa-Imperium hat mittlerweile eine so mächtige und vor allem autarke Position inne, dass viele Dinge vor der Öffentlichkeit verborgen bleiben.

Fifa

Dass der Fisch bekanntlich vom Kopf stinkt, beweist auch der aktuelle Fifa-Skandal. Im Mai 2015 wurden sieben hochrangige Fifa-Funktionäre von Schweizer Sicherheitsbehörden wegen Korruptionsverdacht festgenommen. Seitdem folgten weltweit weitere Festnahmen und Ermittlungen gegen dutzende von Fifa-Mitgliedern. Darunter Spitzenfunktionäre wie die Chefs der Kontinentalverbände von Süd- und Nordamerika, und schließlich erwischte es auch Fifa-Chef Sepp Blatter sowie UEFA-Boss Michel Platini. Um den ebenso machthungrigen wie skrupellosen Sepp Blatter ranken sich seit Jahrzehnten Gerüchte um Korruption und dunkle Geschäfte, letztendlich überrascht das niemanden, und die meisten sind froh, diese unsägliche Gestalt endlich los zu sein. Der ehemalige Weltklassespieler und französische Nationalheld Michel Platini allerdings hat sein eigenes Lebenswerk zerstört durch seine Gier. Er besitzt sogar die Unverfrorenheit, eine Aufhebung seiner Suspendierung zu beantragen, um im Februar 2016 für die Nachfolge Sepp Blatters kandidieren zu können. Platini galt seit Jahren als designierter Fifa-Chef, sollte Blatter irgendwann abtreten, und wurde von diesem stets protegiert. Die beiden suspendierten Spitzenfunktionäre treiben ihre zweifelhaften Spielchen vor aller Öffentlichkeit weiter als wäre nichts geschehen. Dass tatsächlich ein derart überführter Halunke auf den anderen folgen könnte, wirkt in der jetzigen Situation äußerst grotesk, doch ist der Fifa und ihren zwielichtigen Praktiken leider alles zuzutrauen.