Kindchenschema: Ach Gott, is das süß!

Familie & Freizeit von Daniel am 05.11.2016

Wieso sehen alle Teenie-Idole irgendwie gleich aus, und woran liegt es, dass wir bei Babys und kleinen Tieren mit Stubsnäschen und Kulleraugen in Verzückung geraten? Das Kindchenschema liefert hier die Erklärung: sozusagen eine mathematische Formel für Niedlichkeit. Je kindlicher ein Gesicht, desto größer das Glücksgefühl des Betrachters.

süßes Baby

Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Sagt man zumindest immer gerne. Attraktivitätsforscher sind sich allerdings darüber einig, dass es doch ein paar objektivere Kriterien dafür gibt, was wir als attraktiv einstufen, ohne uns so richtig dagegen wehren zu können. Der bei Studien entstehende Durchschnittswert der Meinungen aller Teilnehmer entspricht mit geringen Abweichungen dem in der Gesellschaft vorherrschenden Konsens.

Was ist schön?

Johannes Krause, Diplom-Soziologe an der Universität Düsseldorf forscht seit Jahren auf dem Feld der Attraktivität. Er ist der Meinung, dass die Gesellschaft sich zwar einig darüber sei, dass Schlankheit, Jugendlichkeit und Gesundheit in Kombination mit einem schönen Gesicht anziehend wirken, allerdings auch geschlechtsspezifische Unterschiede bestehen: Während Frauen auf markante Gesichter stehen, fühlen sich Männer vom Kindchenschema angezogen. Als Paradebeispiel dafür gilt Kate Moss. Doch was hat sie, was andere nicht haben?

Beschützerinstinkt

„Kein Fett, keine sichtbaren Falten und eine große Stirn machen ihr Gesicht attraktiv“. Hinzu kommen Merkmale wie eine gerade Nase, die richtige Augenstellung und eine reine Haut. „Die meisten Männer fühlen sich durch das „Kindchenschema“ – zum Beispiel große runde Augen, kleine kurze Nase, kleines Kinn und runde Wangen – angezogen.“ erklärt Attraktivitätsforscher Johannes Krause. Unschlüssig ist die Wissenschaft sich noch darüber, ob der Grund dafür vor allem im Beschützerinstinkt der Männer zu sehen ist, oder ob Frauen mit den genannten Merkmalen unterbewusst Fruchtbarkeit signalisieren.

süßer Affe

Niedlichkeit in Formeln

Dem österreichischen Biologen und Ethnologen Konrad Lorenz zufolge, der in den Vierzigern eine Formel für Niedlichkeit entwickelte, sind es aber nicht nur Männer, die der Kombination aus hoher Stirn, großen Augen und pummeligen Backen erliegen: Insbesondere erwachsene Frauen sind evolutionär darauf programmiert, Babys süß zu finden und sich um sie zu kümmern, um somit den Nachwuchs zu sichern.

Babies machen glücklich

Wissenschaftler der Universitäten Münster und Pennsylvania fanden sogar heraus, dass es dafür eine neurophysiologische Erklärung gibt: Der Anblick eines süßen Babys aktiviert im Gehirn einer Frau das Belohnungszentrum und löst Glücksgefühle aus. Während der Studie wurden Babybilder per Bildbearbeitung manipuliert, die das Kindchenschema künstlich verstärkte. Das Ergebnis erstaunte wenig: Je höher der Wert, desto mehr verstärkte sich die Aktivität in besagter Hirnregion.

Knut der Eisbär

Der Grund für den großen Hype um Knut und die Faszination von süßen Tierchen bei Youtube, die am laufenden Band „Awwws“ auslösen, liegt ebenfalls in einer „Verkettung hedonistischer Mechanismen“, wie der Neurologe Dr. Edgar Coons gegenüber der New York Times erklärt. Wir finden allerdings nicht jeden Bär gleich niedlich. So würde ein erwachsener Knut gegen einen Panda glatt durchfallen. „Durch die kurze Schnauze wirkt der schwarz-weiße Panda viel kindlicher“ erläutert Verhaltensbiologin Barbara König.

kindchenschema-dingstier

Kindchenschema dient nur dem Zweck

Es geht bei einem solch entzückenden Antlitz in der Evolution ums nackte Überleben: „Sie sehen nicht so aus, damit wir sie niedlich finden“, führt König weiter aus. Funktioniert hat das Ganze auch schon vor 150 Millionen Jahren, wie Forscher der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie herausfanden: Sie untersuchten Allosaurier–Embryos und entdeckten dabei Merkmale des Kindchenschemas, wie einen runden Kopf oder große Augenhöhlen. Es gab sogar Tiere, die ihr Leben lang diesem optischen Muster entsprachen, was wahrscheinlich unter anderem der Partnerselektion zuträglich war. Eine andere Studie belegte, dass Kinder sich bereits im zarten Alter von 3 Jahren besonders zu noch jüngeren, süßeren Artgenossen hingezogen fühlen.

Big Business

Das Geschäft rund um das Kindchenschema ist zunehmend lukrativ und wird sich schon seit Jahrzehnten in der Trickfilm- und Spielzeugindustrie zu Nutze gemacht: Man denke nur an Playmobil, Biene Maja oder Jim Knopf aus der Augsburger Puppenkiste. Bei den Animation Studios Pixar hat man sogar eine mathematische Formel zur Errechnung maximaler Niedlichkeit gefunden, mit der die Zuschauer inzwischen sogar beim Anblick von Blechkisten wie WALL-E, oder dem dicken, aufblasbaren, undefinierbaren Ding aus Baymax in Verzückung geraten.

Wall-E
Quelle: pixar.wikia.com

Stars aus der Retorte

Vermutlich kommen auch die ganzen Justin Biebers, Heintjes und Nick Carters aus der Retorte oder sind in Wahrheit computer-generiert, um eine Generation von kreischenden Teenies nach der anderen um ein paar Teddies und Schlüpfer zu erleichtern. Es wird schon seinen Grund haben, dass immer das gleiche Muster, in diesem Fall das Kindchenschema, Künstler zu Mädchen-Magneten macht und sie auf irgendeine bestimme Art alle gleich aussehen. Ein junger Brad Pitt hätte genauso gut mit der Titanic untergehen können, wenn Leo stattdessen wegen eines Krankheitsfalls bei den Backstreet Boys eingesprungen wäre. Naja bei der Choreo wäre die Finte dann vielleicht doch geplatzt, wie dieses YouTube-Video beweist.

Der erste große Boom

Den ersten großen kommerziellen Hype um das Kindchenschema löste die Kewpie Doll Anfang des 20. Jahrhunderts aus, die ursprünglich nur für die Weihnachtsausgabe des Ladies Home Journals gezeichnet wurde, sich bald aber so großer Beliebtheit erfreute, dass sie seriell von einer Spielzeugfabrik produziert wurde. Die Puppe wurde später sogar zum Maskottchen der organisierten Frauenrechtsbewegung der Suffragetten.