„Panikherz“ – Wie Udo Lindenberg Benjamin von Stuckrad-Barre das Leben rettete

Familie & Freizeit von Fabian am 20.04.2016

AN! und für sich war er schon so gut wie tot, und das im doppelten Sinne. Benjamin von Stuckrad-Barre, umjubelter Popliterat der 90er Jahre, hatte Karriere und Leben mit Vollgas an die Wand gefahren. Koks und Nutten – selten war ein Klischee zutreffender. Mit gerade einmal 23 Jahren hatte er schon erreicht, wovon andere nur träumen. Sein Debütroman Soloalbum 1998 war ein grandioser Erfolg, der Autor wurde als die neue deutsche Schriftstellerhoffnung gefeiert und die Medien überschlugen sich mit Lobeshymnen. In der Folge verdiente er Unmengen an Geld, machte die Nacht zum Tag und steckte sich regelmäßig den Finger in den Hals. Das Gefühl, zu dick zu sein und nicht gut auszusehen, begleitete ihn schon seit Jahren. Die Bulimie bekämpfte er dann clevererweise mit immer mehr Kokain. Der berühmte Teufelskreislauf. Eine Weile hält man das durch – mal richtig hart feiern, bringt einen auch nicht gleich um, und Stuckrad-Barre hat richtig gefeiert. Sein Nachfolgeroman Livealbum war ebenfalls relativ erfolgreich, er bekam seine eigene MTV-Show, trat mit Christoph Schlingensief auf, und zog nachts mit Gleichgesinnten um die Häuser. Dabei wurde wenig gegessen, viel getrunken und noch mehr gekokst. Irgendjemand hat einmal gesagt, wer in jungen Jahren überaus erfolgreich ist, wird entweder ein Weltstar oder drogenabhängig. Stuckrad-Barre führte das Leben eines Rockstars. Anfang der 00er Jahre war der Messias der Popliteratur am Ende. Seine Bücher verstaubten zusehends in den Regalen der Buchläden, stattdessen geriet er durch seine Exzesse in die Schlagzeilen. Nachlassender Erfolg und steigende Sucht sind naturgemäß eine gefährliche Mischung. Stuckrad-Barre schlitterte geradewegs Richtung Untergang.

Stuckrad-Barre/LIndenberg
Quelle: zeit.de

Wie der Schriftsteller dem Tod doch noch von der Schippe sprang, erzählt er in seinem neuesten Buch Panikherz. Dass ausgerechnet Alt- und Panikrocker Udo Lindenberg und dessen Freundschaft eine entscheidende Rolle beim Kampf gegen die Sucht einnehmen, klingt nur im ersten Moment verwunderlich. Udo Lindenberg traf aufgrund seiner Art offensichtlich bei Stuckrad-Barre einen Nerv, den wohl sonst kaum jemand getroffen hätte. Wenn einer weiß, wovon er spricht, dann Lindenberg. Erfolg, Rausch, ganz unten sein, und dann die Treppe wieder rauf – Udo hatte das volle Programm selbst erlebt. Deshalb ist Panikherz auch ein Buch über Freundschaft. Auf ehrliche, schonungslose, komische und poetische Weise schildert Benjamin von Stuckrad-Barre seine Drogenkarriere, er berichtet von den Klinikaufenthalten und seiner Magersucht, seinem Verhältnis zu Familienangehörigen und über seine Freundschaft zu Udo Lindenberg. Panikherz ist ein autobiografischer Trip, eine Drogen- und Suchtgeschichte und irgendwie ist es auch wieder Popliteratur, ein Blick auf die letzten 20 Jahre, so zum Beispiel wenn der Erzähler in den skurrilsten Situationen auf Courtney Love oder Marius Müller Westernhagen trifft. Wobei diesmal die Betonung auf Literatur liegt. Der große Erfolg von Soloalbum erscheint im Nachhinein schleierhaft. Dünne Story, seichte Schreibe – Liebe, die ersten Handys und Britpop – es ist ein Zeitdokument und steht für Stuckrad-Barres Generation (also denen, die in den 90er Jahren dem Teenageralter entsprossen), und hat deshalb seine Berechtigung. Wenn man aber heute in dem Buch liest, ist es unfassbar langweilig, irgendwann regelrecht nervend, und die verwendete Jugendsprache wirkt affektiert und veraltet. Soloalbum würde heute nicht mehr funktionieren. Muss es auch nicht, denn Benjamin von Stuckrad-Barre ist mit Panikherz ein Geniestreich gelungen. Mit diesem Buch ist er endgültig und unzweifelhaft im Schriftstellerolymp angekommen. Der Bestsellerautor Ferdinand von Schriach formulierte es folgendermaßen: „Stuckrad-Barre ist einer der begabtesten Schriftsteller seiner Generation, und endlich hat er das Buch geschrieben, das er schreiben musste“, oder in der Kurzvariante von Friedrich Küppersbuch: „Das Buch ist geil“.