Polyamorie – Hat Monogamie als Beziehungsmodell ausgedient?

Familie & Freizeit von Daniel am 04.10.2016

Die romantische Vorstellung, dem Seelenverwandten in einem schicksalhaften Augenblick zu begegnen und sich Hals über Kopf zu verknallen, um dann nach einer wilden Romanze und einer dramatischen emotionalen Achterbahnfahrt zusammen alt und grau zu werden, mag uns alle faszinieren. In Zeiten von Tinder, in denen sexuelle Abenteuer fast schon mit dem Smartphone bestellbar sind und Seitensprung-Agenturen nur so aus dem Boden schießen, stellt sich allerdings die Frage, ob Monogamie mittlerweile zugunsten eines zeitgemäßeren Beziehungsmodells ausgedient hat: der Polyamorie.

Kommune 1
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Untreue ist so alt wie die Menschheit

Die Diskrepanz zwischen dem Bedürfnis nach Romantik und der Lust auf Abenteuer existiert nicht erst seit gestern, unzählige Geschichten handeln vom Verhängnis der Untreue. Man denke nur an König Artus, dem sein vermeintlich treu ergebener Ritter Lanzelot mit der Frau durchbrennt, oder den Krieg von Troja, der ausgelöst wurde, weil Helena ihren Mann Homer betrog. Heute, wo laut einer Studie aus Hamburg jeder zweite zugibt, schon einmal fremdgegangen zu sein, und dem Thema somit schon eine unausgesprochene Tendenz zur Legitimität anhaftet, würde ein Seitensprung wahrscheinlich keinen Krieg auslösen.

Schön ist es trotzdem nicht, erst recht nicht, wenn es vorher anders besprochen wurde. Immerhin erachten 90 Prozent der Deutschen Treue noch als zwingende Bedingung für eine Beziehung. Es fragt sich, ob die Evolution da derselben Meinung ist, wäre es doch durchaus in ihrem Sinne, wenn Sexualpartner möglichst oft gewechselt werden würden. Für schätzungsweise 10 000 Menschen in Deutschland stellt dieses Verhalten auch das ideale Beziehungsmodell dar, weshalb sie in offenen Beziehungen leben oder in einem ganzen Netzwerk aus Partnern: Der sogenannten Polyamorie.

Freie Liebe oder Sicherheit

Das Ziel dabei ist es, den Besitzanspruch auf einen Partner vollkommen loszuwerden, was laut Verfechtern dieses Lifestyles der Persönlichkeitsentwicklung zuträglich ist, was letztendlich zu maximaler Bedürfnisbefriedigung ohne Verpflichtungen führt. Einem Rainer Langhans kauft man diese Lebenseinstellung auch ab, und offensichtlich hat es ja damals in der Kommune 1 noch ganz gut funktioniert. Allerdings waren das auch noch die wilden 68er, in denen Verantwortung wenig zählte, sowieso ständig nackt auf Wiesen herumgerannt wurde, und die Maxime lautetet „Wer zwei Mal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“.

Ob die Idee mit dem Fundus an allzeit verfügbaren Sexualpartnern auch mit einem organisierten Leben und dem damit einhergehenden Sicherheitsbedürfnis vereinbar ist, bleibt fraglich. Wahrscheinlich kommen viele auch sehr viel schlechter mit Polyamorie klar, als sie sich selbst oder anderen eingestehen. Einer von beiden leidet meistens doch, und oft hat vielleicht sogar derjenige mehr Angst vor Gefühlen, der vorgibt, besser mit der Situation klarzukommen und nicht eifersüchtig zu sein.

©www.vice.com
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Das Ego – Der größte Feind der Polyamorie

„Frubbelig“ werden die Anhänger der Polyamorie anstelle von eifersüchtig, wenn sie sich selbstlos darüber freuen, dass der Partner gerade jemand anderen vögelt. Ein schöner, selbstloser Gedanke, und man würde vielleicht gerne behaupten, so weit über sein Ego hinausgewachsen zu sein. Allerdings weiß auch jeder, wie weit er im Liebestaumel dann tatsächlich davon entfernt ist und erinnert sich vielleicht an Situationen, in denen es ganz schön schwerfiel, sich nicht ins Facebook-Profil des Liebsten einzuloggen. Die Faszination an jemandem ist genauso individuell wie die Persönlichkeit, und unser „Konkurrent“ wird den Partner immer auf andere Weise begeistern, als wir es tun. Vielleicht wird die Faszination sogar größer, als die an uns. Vielleicht tun die beiden andere Dinge miteinander als wir. Emotionen sind keine Ware, die man einfach gleichmäßig verteilen kan

Vergnügungspark der Gefühle

Während die Befürworter der Polyamorie die besagen Verlustängste wahrscheinlich als ziemlich unfortschrittlich und kleingeistig betrachten, kritisieren andere das fehlende Verantwortungsbewusstsein des grenzenlosen Hedonismus: Unter dem Deckmantel der Selbstverwirklichung wird die langweilige Tugend der Treue einfach über Bord geworfen und im Zuge der kollektiven Vergnügungssucht auch noch der Sex zum Entertainment degradiert. Die traurige Lektion, dass die Honeymoon-Phase irgendwann vorbei ist, lernt man im besten Fall schon in jungen Jahren. Aber während der ersten längeren Beziehungen lernt man dann auch, dass im Laufe der Zeit ganz neue Qualitäten entstehen.

Ehrlichkeit als Basis

Diese Erfahrung macht aber nicht jeder und natürlich gibt es auch Paare, bei denen mehr als nur das anfängliche Feuer verflogen ist oder es nie gepasst hat, und man aufgrund von gesellschaftlichen Erwartungen oder aus Angst vor Veränderung zusammenbleibt. Ist dann alles über Jahre hinweg endgültig im roten Bereich und beide Seiten konsultieren bereits regelmäßig Seitensprung-Agenturen, wäre eine rechtzeitige Einigung auf eine offene Beziehung oder Polyamorie sicher die bessere Variante gewesen. Vielleicht gibt es einfach freiheitsliebende Naturelle, die sich selbst nie zwingen sollten, eine funktionierende Beziehung nur durch Verbote aufrecht zu erhalten, weil dadurch nur noch vielmehr Schaden und Schmerz entsteht. Ekelszenarien wie Orgien in Swingerclubs sind auch eher Symptome nicht funktionierender Spießerbeziehungen, als dass sie dem Bedürfnis derer entsprechen, die ihr Freiheitsbedürfnis offen leben.

Polyamorie-Leute

Wie eine große Familie

Natürlich bietet ein Netzwerk an Partnern auch noch ganz profane Vorteile, vor allem wenn man tatsächlich in einem Haushalt lebt. Man hat insgesamt ein größeres Einkommen, kann sich eine größere Wohnung nehmen, hat ständig Ansprechpartner für Probleme, und es kommen verschiedene Talente zusammen: Einer kann kochen, der andere ist handwerklich begabt, und es sind generell immer ein paar helfende Hände mehr da. Und wenn man mit einem Streit hat, kann man sich direkt beim anderen ausheulen.