Praktische Benimmregeln – oder, wovon Knigge nichts wusste

Familie & Freizeit von Fabian am 09.10.2016

„Nimm die Hände aus den Taschen!“, „Ellbogen vom Tisch!“, „Putz dir die Nase!“ – den einen oder anderen Spruch hat jeder schon einmal gehört. Benimmregeln, gute Manieren, und was sich sonst noch so angeblich gehört oder eben nicht, bekommt man von der Pike auf von Eltern und Lehrern mit auf den Lebensweg gegeben. Hin und wieder fällt dabei der Name Knigge. „Noch nie was von Knigge gehört?“, oder, „laut Knigge macht man das aber nicht!“. So und ähnlich klingen dann die altklugen Zurechtweisungen. Tja, und jetzt kommt die Auflösung: Das Meiste ist Humbug, oft von Autoritätspersonen erfunden oder falsch überliefert. Der gute Knigge hat jedenfalls mit den wenigsten der ihm zugeschriebenen Benimmregeln und Umgangsformen wirklich etwas zu tun.

regeln beim essen

Benimmregeln nach Knigge

Freiherr Adolf Franz Friedrich Ludwig Knigge, wie der Spross einer verarmten niedersächsischen Aldelsfamilie mit vollem Namen heißt, war Schriftsteller, ein Kind seiner Zeit, der Aufklärung, und ein überzeugter Anhänger der französischen Revolution. Als solchen haben ihn die oft zitierten Benimmregeln, also Tischmanieren, Kleiderregeln und hochgezogene Nasen wenig bis überhaupt nicht interessiert. Er fühlte sich vielmehr als Aufklärer, und in seinem Hauptwerk „Über den Umgang mit Menschen“, erschienen 1788, formulierte Knigge allgemeine, aufklärerische Hinweise und Bemerkungen zum menschlichen Miteinander. Beispiele gefällig?

  • So schickt es sich zum Beispiel nicht für Ehrenleute, mit Geld und Erfolg zu prahlen. Knigge schreibt: „Man soll seine glücklichen Umstände nicht zu deutlich zeigen, sein Übergewicht über Andre nicht zu merklich werden lassen“.
  • Zurückhaltung und Freundlichkeit sind laut Knigge hingegen positive Eigenschaften: „Rede nicht zu viel! Sprich nicht von Dingen, die Andre nicht interessieren“. „Man soll niemand lächerlich machen. Niemand necken, zerren, beunruhigen“.
  • Ein ganzes Kapitel ist sogar dem „Umgang mit Frauenzimmern“ gewidmet. Ratschläge, die auch heute noch ihre Richtigkeit haben: „Man soll sich ihnen nicht aufdringen. Sie finden Vergnügen an kleinen Neckereyen. Man lasse ihnen Triumpf, und beschäme sie nicht“.

Knigge ging es also mehr um das große Ganze, und sicherlich sind seine Hinweise immer noch aktuell. Menschliche Beziehungen und entsprechendes individuelles Verhalten war sein Thema, nicht die Anordnung von Messer und Gabel oder die Art, wie man sich die Nase schnäuzt. Wem aber haben wir diese Palette an Benimmregeln zu verdanken, und warum denkt jeder, Knigge hätte diese erfunden?

statue von knigge

Benimmregeln aus den letzten Jahrhunderten

Tatsächlich sind Benimmregeln so alt wie die Menschheit. Wie sollte es auch anders sein, schließlich leben die Menschen seit Jahrtausenden in Höhlen, Sippen, Dörfern und anderen Gemeinschaften zusammen, und müssen miteinander auskommen. Es hat aber lange gedauert, bis sich jemand berufen fand, so etwas wie Benimmregeln auch aufzuschreiben.

Einer der ersten überhaupt, der Benimmregeln schriftlich festlegte, war der berühmte Gelehrte Erasmus von Rotterdam. 1529 veröffentlichte er sein Buch „De Civilitate“. Dabei handelt es sich quasi um ein Urwerk der sognannten Anstandsliteratur. In „De Civilitate“ werden vor allem Jugendliche in Sachen Bildung und Benehmen auf das Leben vorbereitet.

  • Erasmus von Rotterdam plädiert wie Knigge für ein angemessenes Verhalten untereinander, und das in deutlichen Worten: „Nur Dummköpfe belachen jedes Wort und jedes Vorkommnis, nur Stumpfsinnige lassen sich niemals ein Lächeln entlocken“.
  • Aber auch ganz profane Dinge werden in „De Civilitate“ behandelt. Beispielsweise die berüchtigte Rotznase: „Die Nase darf nicht triefen, denn das zeugt für ein schmuddeliges Wesen. Sich mit der Mütze oder dem Rock zu schnäuzen, ist Bauernart. Mit der Hand ist es kaum vornehmer. Es ist auch lächerlich, nach Elefantenart zu trompeten, und nur Spötter und Hanswurste kräuseln die Nase“.
  • Und es gibt auch passende Tipps für die Kleiderwahl, denn „die Schamteile soll ein gebildeter Mensch nur entblößen, wenn es notwendig ist. Ist das der Fall, soll man es, auch wenn niemand zugegen ist, mit der gebührenden Sachlichkeit tun, die Engel sind nämlich immer zugegen“.

streitendes paar

Auch die Hinweise von Erasmus von Rotterdam haben nach wie vor ihre Gültigkeit. Aber Benimmregeln gehen natürlich nicht nur Jugendliche an. Von Johann Gottfried Gregorii erschien 1715 ein Verhaltenskodex für die Bereiche Partnerschaft und Ehe, aber auch im politischen und geschäftlichen Miteinander. Also quasi ein Allround-Ratgeber:

  • Bei der Partnerwahl sollte man darauf achten, nicht zu unterschiedlich zu sein. Gregoriis Meinung nach ist gemeinsames Lachen sehr wichtig: Es „finden sich bey Eheleuten die ungleich am humeur sind, Haß, Neid, Feindschaft, Zank, Klagen, weinen, Ach und Wehe“.
  • Was für Eheleute gut ist, gilt auch generell für das zwischenmenschliche Miteinander: „Wenn du redest, so liebe die Wahrheit, und bringe die Sache mit Bedacht vor. Will dir jemand antworten, so falle ihm nicht ins Wort.“
  • Gregoriis Vorstellung über das Verhalten von Politikern und Geschäftsleuten ist sehr idealistisch und humanistisch, und er war mit seinen Ansichten seiner Zeit weit voraus. „Ein schlauer Zuhörer weiß sich alles, was in denen Gesprächen vorkommt, zu Nutze zu machen: Denn das gute wendet er zu seinem Vortheil an, und das unartige lernet er vermeiden. Rede bringet Ehre, und bringet auch Schande. Den Menschen fället seine eigene Zunge“.

Benimmregeln in heutiger Zeit

Die berühmteste Sammlung von Benimmregeln im 20. Jahrhundert stammte von Erica Pappritz. Als Tochter eines preußischen Offiziers wusste die Dame, was sich gehörte. Und was sie nicht wusste, lernte sie zunächst als Diplomatin des Kaisers, dann im diplomatischen Korps bei den Nazis, und schließlich als Referentin im Bundeskanzleramt unter Konrad Adenauer.

So viel Wissen musste natürlich unters Volk gebracht werden, und 1956 erschien „Das Buch der Etikette“. Die ehemalige Protokollchefin des Auswärtigen Amtes erklärte Unternehmen und Wirtschaftsgrößen, wie man sich zu benehmen habe. Und nicht nur das. Frau Pappritz hielt sich wirklich noch im kleinsten und geheimsten Detail an das Protokoll. Vom der fachgerechten Tätigung der Toilettenspülung bis hin zum Verbot langer Unterhosen überließ sie nichts dem Zufall. O-Ton: „Lange Unterhosen bleiben unmännlich und häßlich, auch wenn sie kaum jemand sieht“.

auf dem klo

Wo wären wir heute ohne Frau Pappritz? Zugegebenermaßen gibt es auch Beispiele aus dem Bereich der sogenannten Anstandsliteratur, die nicht so richtig zu Ende gedacht waren oder nicht mehr ganz zeitgemäß sind.

So schrieb ein gewisser Wilhelm Engelhardt im Jahre 1918 ein zweifelhaftes Werk mit dem Titel „Kleiner Knigge für heimkehrende Sieger“. Darin heißt es siegesgewiss: „Das wird Euch sauer aufstoßen, Kameraden. Da will einer, der auch dabei war, Euch in diesem Büchlein einige leise Winke geben und Zeichen geben. Als Sieger kehrt ihr zurück! Das steht so fest wie der Fels im Meer. Die Sieger kommen!“ Tja, der Schuss ging leider nach hinten los. Als der kleine Siegerknigge endlich erschien, hatte Deutschland kapituliert und den Krieg verloren.

Und auch das Büchlein „Wie soll ein weibliches Wesen sich benehmen, um einen Mann zu bezaubern?“ klingt aus heutiger Perspektive eher befremdlich. Der Autor, ein nicht näher bekannter O. von Gontard, meinte es sicherlich gut, wie der durchaus zweideutige Untertitel erahnen lässt: „Praktische Ratschläge eines scharfen Beobachters“.

Schon die einleitenden Worte werden so manche Frau in Entzückung geraten lassen: „Nicht an emanzipierte Damen wendet sich der Belehrende, sondern nur an solche Wesen, die den ihnen vom Schöpfer bestimmten Frauenberuf – als Gattin und Mutter – schon angetreten haben, oder noch antreten wollen“.

Wie man sieht, sind nicht alle Ratschläge immer topaktuell, aber einige der überlieferten Benimmregeln haben durchaus auch heute noch ihre Berechtigung. Wir wären sonst wohl nackte, im Stehen pinkelnde Primaten, die sich gegenseitig auslachen. Und dass die Benimmregeln immer Knigge zugeschrieben werden, hat wahrscheinlich damit zu tun, dass er der Einzige ist, dessen Namen wir noch kennen.