Das Schulsystem in Finnland. Oft gelobt, und das zu Unrecht!

Familie & Freizeit von Fabian am 18.11.2016

Wir erinnern uns ja alle noch gut an den sogenannten „PISA-Schock“ aus dem Jahre 2000. Damals veröffentlichte erstmals die OECD, die Organisation für Zusammenarbeit und Entwicklung, eine internationale Studie zum Bildungs- und Lernstand von 15jährigen Schülern. Ergebnis: Die schulischen Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler war im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich schlecht. Ein großer Gewinner der PISA-Studie war das Schulsystem in Finnland. Rechnen, Schreiben, Lesen – die finnischen Kinder waren in allem besser.

Ein Aufschrei des Entsetzens ging durch die Nation. Eltern, Lehrer und Politiker waren fassungslos. Wie konnte das sein? Deutschland, das Land der Dichter und Denker; die größten Erfinder, Künstler und Wissenschaftler waren Deutsche. Und erst die deutsche Wirtschaft! Jahrelang waren wir Exportweltmeister; „Made in Germany“ ein Güteziegel erster Klasse. Aus und vorbei?! Wie sollte Deutschland mit seinen statistisch erwiesen dummen Kindern dieses Niveau halten? Es sah düster aus für kommende Generationen. Der Untergang des zivilisierten Abendlandes stand kurz bevor. Rettung schien nur noch das Schulsystem in Finnland zu versprechen!

Schule in Finnland

Deutschland nach dem PISA-Schock

Um entwicklungs- und bildungstechnisch nicht ins Steinzeitalter zurückkatapultiert zu werden, wurden politische Runden anberaumt, Lehrerkonferenzen abgehalten und Elternabende organisiert. Die Parteien warfen sich gegenseitig bildungspolitisches Versagen vor, die Eltern beschimpften die Lehrer aufgrund deren anscheinend verfehlten Unterrichtsmethoden, und die Lehrer wiederum kritisierten die mangelnde Unterstützung durch die Eltern.

Doch glücklicherweise gab es auch Licht am Ende des Tunnels: PISA-Testsieger Finnland! Unsere Freunde aus dem arktischen Norden hatten bei der Studie erstaunlich gut abgeschnitten. Ist doch eigentlich ganz einfach. Wir übernehmen das Schulsystem in Finnland auch in Deutschland und schon geht’s wieder bergauf mit unseren unterdurchschnittlichen Schülern.

Gesagt, getan. Natürlich fängt Kinderbildung- und Erziehung nicht erst im Schulalter statt, sondern bereits in der Kita. Auch da war Finnland das leuchtende Beispiel. Unzählige, oft quälend lange Prozesse wurden in Gang gesetzt, um die Kinderbetreuung zu verbessern, mehr Kindergartenplätze zu schaffen, und neue Lernschwerpunkte zu setzen. Nur so würden die lieben Kleinen ihre wahre Bestimmung entdecken.

Lehrer und Schüler auf dem Boden

Eltern sind immer dabei, wenn es darum geht, in den Nachwuchs zu investieren. Die frühkindliche Erziehung ist ja unglaublich wichtig, damit die Kinder es später in der Schule etwas leichter haben, und um ihre eigenen Stärken zu finden. Und so durften viele Kinder bereits lange bevor sie in die Schule kamen, Rechnen, Schreiben, Musizieren und fremde Sprachen lernen, und mussten sich nicht länger mit so ordinären Dingen wie Spielen oder draußen im Dreck herumrennen beschäftigen.

So vorbereitet ging es in die Schule. Vor allem die Gesamtschulen erlebten Hochkonjunktur und pädagogisch-didaktisch wertvolle Lernvermittlungsmethoden wurden kreiert, um den Schülern Spaß am Lernen beizubringen. Alles sprach von Didaktik und Pädagogik. Bloß weg vom Frontalunterricht und diesen autoritären Lehrern – die dafür sorgten, dass alle ruhig auf ihrem Platz saßen und sich 45 Minuten am Stück konzentrieren mussten, und die dann auch noch Hausaufgaben aufgaben!

Spaß, das war das Zauberwort schlechthin. Die Schüler sollten nur noch lernen, worauf sie auch Lust hatten, was ihren Neigungen entsprach und natürlich nur, wenn sie das auch wirklich wollten. Gruppenarbeit, Stuhlkreise und bunte Wände sollten ein Klima der Freiheit, des Miteinanders und der Kreativität erzeugen. Spielend lernen war ein weiteres Schlagwort.

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Das Schulsystem in Finnland

Die Finnen waren uns Deutschen ja um Lichtjahre voraus, so lautete die landläufige Meinung. Diese progressiven Nordmänner hatten bereits vor Jahrzehnten erkannt, worauf es bei der Schuldbildung ankommt, und hatten offensichtlich die richtigen Schritte unternommen. Das finnische Modell scheint ja auch tatsächlich einige Vorteile mit sich zu bringen. Finnland hat beispielsweise die niedrigste Analphabetenrate der Welt.

Doch was machen die Finnen denn so groß anders als wir in Deutschland? Abgesehen davon, dass das Schulsystem in Finnland mit viel mehr Geld von staatlicher Seite finanziert wird als in Deutschland, sind drei Punkte wirklich auffällig.

  1. Im Unterschied zu Deutschland ist die Kindergarten- und Vorschulbetreuung um einiges besser. Es steht mehr Personal und Geld zu Verfügung. Jedes Kind hat Anrecht auf einen entsprechenden Platz und die finnischen Kommunen müssen dafür sorgen, dass das auch passiert.
  2. Seit den 1970er Jahren besteht ein integriertes Schulsystem in Finnland. Alle Schüler besuchen eine neunjährige Einheitsschule, erst danach wird nach Interesse und Leistung in die entsprechenden Zweige gewechselt: Gymnasium oder Berufsfachschule.
  3. Die Schulklassen in Finnland haben durchschnittlich höchstens eine Stärke von 20 Schülern; oft weniger. In Deutschland liegen die Klassenstärken oft bei 30 und mehr Schülern.

Lehrer und Bücher

Klingt nach paradiesischen Verhältnissen an finnischen Schulen. Lange galt deshalb das Schulsystem in Finnland als das Nonplusultra für alle bildungs- und erziehungsinteressierten Politiker und Eltern, auch in Deutschland. Und jetzt kommt die schlechte Nachricht: Das angeblich so tolle Schulsystem in Finnland ist nichts weiter als ein großes Missverständnis.

Zur Beruhigung gleich die gute Nachricht hinterher: Für die deutschen Schüler sieht es nach der neuesten PISA-Studie gar nicht mehr so schlecht aus, sie haben sich international mittlerweile wieder im oberen Mittelfeld eingependelt. Also kein Grund zur Panik mehr.

Aber der Reihe nach. Nach der neuesten Studie schneiden die Finnen gar nicht mehr so gut ab. Die finnischen Schüler haben deutlich schlechtere Leistungen als im Jahre 2000 gezeigt. Was also lief seitdem mit dem Schulsystem in Finnland falsch?

Neueste Erhebungen haben herausgefunden, dass das hochgelobte finnische Modell größtenteils eine Blase war, und mitnichten so gut wie angenommen. Das heutige Schulsystem in Finnland, so wie wir es kennen und es überall über den Klee gelobt wird, wurde nach einer Schulreform im Jahres 1994 eingeführt. Fachleute gehen allerdings davon aus, das eine grundlegende Schulreform mindestens zehn bis 15 Jahre braucht, bis sie umgesetzt ist und messbar greift.

Das heißt, als im Jahre 2000 die berühmtberüchtigte PISA-Studie erhoben wurde, funktionierte das hochgelobte Schulsystem in Finnland noch nach den alten Strukturen. Damals war die finnische Schule noch auffällig streng und autoritär. Weit entfernt von didaktischen Gruppenspielchen, wie sie heute praktiziert werden. Eine UNICEF-Studie aus dem Jahre 2007 fand übrigens heraus, dass Schüler nirgendwo anders auf der Welt so ungern zur Schule gehen, wie in Finnland. Das alles klingt nach Stress im Paradies.

Pisa-Studie

Die Blase platzt

Tatsächlich müssen sich die großen Reformer und Pädagogen also eingestehen, dass Strenge und Disziplin für den Erfolg von PISA 2000 verantwortlich waren. Berücksichtigt man die angesprochenen zehn bis 15 Jahre, so greifen erst in den letzten Jahren die Reformen des Schulsystems in Finnland. Ergebnis: Die finnischen Schüler belegen längst nicht mehr die Spitzenpositionen bei den Umfragen und fallen im internationalen Vergleich weiter ab.

Und es wird ja schon schlimmer für die Verfechter angeblich pädagogisch-didaktisch wertvoller Lehr- und Lernmethoden. Die heutigen Spitzenreiter der PISA-Studie kommen aus Asien – Schüler aus Hongkong, Shanghai und Singapur belegen die ersten drei Plätze – und dort verläuft der Unterricht in etwa vergleichbar mit dem Drill einer preußischen Militärakademie um 1914. Höchste Disziplin, Fleiß und Frontalunterricht in seiner aggressivsten Ausprägung sind Normalität. In Asien ist Schule noch old school!

Kurzer Einwurf: Ist es eigentlich Zufall, dass Deutschlands klügste Köpfe einer Zeit entstammen, in der Schüler aufstanden und grüßten, wenn ein Lehrer den Raum betrat, Hemd und Krawatte trugen, und nur redeten, wenn sie gefragt wurden?! Es will ja niemand die Prügelstrafe zurück, aber etwas Disziplin und Pflichtgefühl hat noch keinem geschadet, wie es so schön heißt.

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Was also sind die Rückschlüsse aus der neuesten PISA-Studie? Tatsächlich ist es so, dass es neuerdings Anstrengungen gibt, dass Schulsystem in Finnland zu reformieren. Das ehemalige Erfolgsmodell überzeugt nicht mehr alle. Es muss umgedacht werden. Vielleicht gehört Disziplin doch zum Lernen dazu, und eventuell haben Spaß und Schule einfach nicht so viel gemeinsam, wie von vielen gewünscht.

Die Ergebnisse der Schul- und Bildungsreformen der letzten Jahre in Deutschland sind auf jeden Fall ambivalent. Einerseits Kindergartenkinder, die Klavier spielen und chinesische Gedichte in der Originalsprache zitieren, und andererseits völlig degenerierte Schüler, die sich kaum noch in zusammenhängenden Sätzen artikulieren können, und oft nicht einmal mehr wissen, wer oder was Goethe oder die DDR waren.

Aus den ganz Kleinen drohen hochnäsige Weicheier zu werden, deren gesellschaftliche und berufliche Zukunft mehr als zweifelhaft ist, und heutige 15jährige Schüler sind einfach schon so erstaunlich unwissend, um nicht zu sagen dumm, dass man sich wirklich langsam um den Untergang des Abendlandes zu sorgen beginnt. Die Antwort auf alles scheint bei ihnen das Smartphone zu geben.