Szenekiez Berlin – Welcher Stadtteil wird der nächste Hype?

Familie & Freizeit von Fabian am 31.08.2016

Von dem Kunstkritiker Karl Scheffler stammt der berühmte Satz, dass „Berlin dazu verdammt sei, immerfort zu werden und niemals zu sein“. Tatsächlich verändert sich das Gesicht der Hauptstadt ständig, und es ist schlicht unmöglich, irgendwann einmal alles gesehen zu haben. Deshalb ist die Frage nach dem angesagtesten und coolsten Szenekiez Berlin nicht einfach zu beantworten.

Kreuzberg Oberbaumbrücke Fernsehturm Spree

Wo befindet sich der Szenekiez Berlin?

Die größte Schwierigkeit bei der Suche nach dem Szenekiez Berlins besteht darin, dass dieser ständig wechselt, oder besser gesagt, weiterzieht. Um nicht zu weit in die Vergangenheit zurückgehen zu müssen, betrachten wir einmal die Entwicklungen der letzten knapp 25 Jahre, also seit Berlin wieder eine geeinte Stadt ist.

Nach dem Fall der Mauer zogen viele Abenteurer und Glücksritter aus dem Westen los, um die vermeintlich blühenden Landschaften im Osten zu bevölkern. Ost-Berlin, die ehemalige Hauptstadt der DDR, war ziemlich runtergekommen. Graue Häuserfassaden zierten die Arbeiterviertel Prenzlauer Berg, Friedrichshain und auch Berlin-Mitte. Kohleheizung, Etagenklo und vereinzelt sogar noch Einschusslöcher der Roten Armee gehörten zur Grundausstattung vieler Wohnungen. Doch diese auf den ersten Blick schlechten Verhältnisse bargen ungeahnte Möglichkeiten. Die Wohnungen waren aufgrund ihres oft katastrophalen Zustands wahnsinnig billig zu haben. Zudem standen viele Häuser im Osten einfach leer – zu marode, um drin zu wohnen; zu aufwendig, um sie abzureißen; zu teuer, um sie entsprechend zu renovieren. Für die Westler mit der harten DM im Gepäck war das ein gefundenes Fressen. Heiß begehrte Altbausubstanz wartete hier nur auf die richtigen Mieter und Investoren.

Am Anfang war der Szenekiez Berlin-Mitte

Und schnell wurde Anfang der 1990er Jahre die Mitte Berlins von hauptsächlich jungen Leuten in Besitz genommen. Die Mieten waren lächerlich günstig, da konnte man ruhig ein paar Mark in die Renovierung stecken. Wer genug Geld übrig hatte, kaufte sich eine Wohnung oder gleich das ganze Haus. Neben den Wohnungen entstanden natürlich auch Einzelhandelsgeschäfte, Bars und Galerien.

Die Verrückten, Kreativen und Innovativen konnten sich in Berlin wunderbar austoben. Bands, Künstler und Gastronomen fanden ausreichend Wohnfläche für ihre Bedürfnisse. Ost-Berlin war groß, cool und irgendwie anarchistisch. Berlin-Mitte war angesagt, wie lange nicht mehr. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die alten Zentren der Weimarer Republik, Friedrichstraße und Wilhelmstraße, Potsdamer Platz und Alexanderplatz wieder in neuem Glanz erschienen, und zu Anziehungspunkten für Besucher und Einwohner gleichermaßen wurden. Das Scheunenviertel zwischen Hackescher Mark und Rosenthaler Platz wurde zum Szenekiez Berlins.

Doch dann passierte das, was jedem Hype irgendwann geschieht: Er wird vom Mainstream gekillt. Zu viele Investoren ließen die Mieten steigen, zu teure Restaurants und Bars verliehen dem ehemaligen Szenekiez einen bürgerlich-spießigen Touch. Markenlabels und elitäres Gehabe zerstörten alternative und kreative Lebens-, Arbeits- und Wohnformen, und viele der ersten Generation von Kiezbewohnern verließen Mitte wieder. Im Folgenden präsentieren wir euch drei (ehemalige) Szenekieze und drei Stadtteile, die das Zeug zum neuen Szenekiez Berlin haben:

Mitte Friedrichstraße Tramstation

Gehobener Szenekiez Berlin-Prenzlauer Berg

Von Berlin-Mitte aus zog die Bevölkerungskarawane weiter gen Norden. Warum auch in die Ferne schweifen, wenn das Gute doch so naheliegt. Einfach der Brunnenstraße und der Schönhauser Allee etwas gefolgt und schon lag neues Brachland vor den Eroberern. Das Bild ähnelte dem in Berlin-Mitte einige Jahre zuvor. Allerdings ist der Altbaubestand in Prenzlauer Berg noch um Einiges höher, so dass die Herzen von Wohnungssuchenden, Investoren, Galerie- und Barbetreibern vor Freude Purzelbäume schlugen. Dazu bietet der Kiez viele Grünflächen.

Der Prenzlauer Berg galt recht schnell als Synonym für das neue Berlin an sich. Wer was auf sich hielt, zog hierher. Die Kastanienallee, die Eberswalder Straße, der Mauerpark und der Kollwitzplatz wurden quasi weltberühmt. Schauspieler und Politiker lebten gemeinsam mit Künstlern und Aussteigern in der Nachbarschaft. Bars, Clubs, Restaurants und Galerien soweit das Auge reichte. Das alles fand Mitte/Ende der neunziger Jahre statt.

Heute sind die Bewohner von damals längst dem Feieralter entwachsen, haben seriöse Jobs und Familien. Der ehemalige Szenekiez Berlin-Prenzlauer Berg ist ruhig geworden. Statt Technoclubs und wilden Partys beherrschen hier mittlerweile Biomärkte und Kinderwagen die Szenerie. Ab und zu regt sich noch Widerstand gegen die neuen Herren – vor allem gegenüber Schwaben – und es kommt zu kleinen Scharmützeln. Die Lebensqualität in Prenzlauer Berg ist jedoch nach wie vor hoch.

Der alternative Szenekiez Berlin-Friedrichshain

Mit dem mondänen, künstlerischen und etwas elitären Lebensmodellen in Mitte und Prenzlauer Berg wollten viele Alternative, Punks und Kreative nichts zu tun haben. Sie zog es von Beginn an eher nach Friedrichshain. Seit jeher Arbeiterviertel und Hochburg kommunistischer, linker und alternativer Szenen bot sich ihnen hier die Chance, Bands zu gründen, Häuser zu besetzen und ihre skurrilen Kunst- und Lebensformen auszuleben.

Natürlich hat die Gentrifizierung auch diesen Szenekiez Berlin nicht verschont, und es wird viel investiert, verkauft und gebaut. Bis heute hat sich Friedrichshain jedoch den Hauch des Punkviertels bewahrt. Die letzten besetzten Häuser stehen hier, Irokesenpunker mit Hund sieht man am ehesten noch dort, und Friedrichshain hat immer noch eine hohe Dichte an Clubs, Bars und schrägen Orten. Das Nachtleben in einem der angesagtesten Szenekieze Berlins ist bei Gästen und Einwohnern sehr beliebt.

Friedrichshain RAW Cassiopeia

Kreuz-Kölln – der Szenekiez Berlin

Kreuz-Kölln ist eine Wortschöpfung aus Kreuzberg und Neukölln und bezeichnet den zurzeit wohl angesagtesten Szenekiez in Berlin. Bars, Restaurants und Clubs schießen hier wie Pilze aus dem Boden. Der Hype hat also nach rund 20 Jahren den Osten wieder verlassen, und macht sich nun über die alten West-Berliner Arbeiterviertel Kreuzberg und Neukölln her. Kreuzberg hatte Ende der 1970er und in den 1980er Jahre schon einmal eine Hochphase. Hausbesetzer, Punks und Musiker aus aller Welt strömten in den pulsierenden Kiez. Iggy Pop, David Bowie und andere Berühmtheiten zog es damals nach Kreuzberg. Mit der Wiedervereinigung geriet Kreuzberg etwas in Vergessenheit und galt als Wohngegend für Althippies, sozial Schwache und Ausländer. Einzig die Oranienstraße war über die Grenzen Kreuzbergs hinaus beliebt.

Erst in den letzten Jahren erhielt der Kiez neuen Aufschwung. Begab man sich früher nur zum Kottbusser Tor, um entsprechende Drogen zu besorgen, ziehen dort heute Touristengruppen mit dem Lonely Planet in der Hand durch die Straßen. Ähnliches gilt für Neukölln, und zwar in noch stärkerem Maße, denn dieser Kiez war wirklich noch nie cool. Wenn man sich heute anschaut, welche Gegenden zwischen Weserstraße, Sonnenallee und Karl-Marx-Straße mittlerweile echte Szenekieze sind, reibt man sich verwundert die Augen. Arbeitslose, Ausländer und Alteingesessene bildeten hier jahrzehntelang das Mietklientel, die nun Studenten, Hipsters und Investoren das Feld überlassen müssen, weil sie sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten können. Ein Ende des Kreuz-Kölln-Hypes ist noch nicht sichtbar, wenn auch schon wieder die ersten weggehen, um sich dem Mainstream zu entziehen.

Wo liegt der neue Szenekiez von Berlin?

Und wieder dreht sich das Karussell aus Mietpreisen, Bar- und Clubszene, Alt- und Neubewohnern, und begibt sich auf die Suche nach dem nächsten Szenekiez in Berlin. Es gibt kaum einen Stadtteil, der noch nicht mit dem Laben next big thing tituliert wurde. Bei den wenigsten wurde es Realität. Wedding, Treptow, Moabit – ja, in diesen Vierteln hat sich die Wohn- und Lebenssituation auf jeden Fall verbessert, aber das Prädikat angesagter Szenekiez Berlin haben sie sich nicht verdient.

Charlottenburg Kurfürstendamm U-Bahnhof

Berlin-Weißensee

Vielleicht hat ja Weißensee das Zeug zum Szenekiez! Im Norden gelegen, direkt an Prenzlauer Berg anknüpfend wäre es nur logisch, wenn die Szene dorthin weiterzieht. Tatsächlich hat sich das Viertel in den letzten Jahren unglaublich gewandelt. Auch hier sind überdurchschnittlich viele Altbauten vorhanden, und mittlerweile wurden die meisten saniert. Die Infrastruktur ist perfekt, der Weiße See lädt zur Erholung ein, die ersten Galerien und Bars sind vorhanden. Es hat sich nur noch nicht rumgesprochen, dass dies der nächste Szenekiez Berlin sein könnte. Also: weitersagen!

Berlin-Schöneberg

Im Gegensatz zu Weißensee hat Schöneberg längst eine Szene und ein reges Nachtleben. Wenn man abends am Nollendorfplatz unterwegs ist, sieht das aus wie auf dem Simon-Dach-Kiez in Friedrichshain oder am Schlesischen Tor in Kreuzberg. Warum also ziehen die Massen an Hipsters, Feierwilligen und Besuchern nicht nach Schöneberg, um zu essen und zu tanzen? Weil Schöneberg einfach zu schwul ist! Das Nachtleben ist eindeutig geprägt. Auf den Straßen kommen einem fast ausschließlich händchenhaltende Männer entgegen. Man muss überhaupt nicht homophob sein, um keine Lust zu verspüren, dorthin zu gehen, wo keine Frauen feiern beziehungsweise keine heterosexuellen Männer. Flirten gehört zum Feiern einfach dazu. Prognose für Schöneberg: Bleibt wie es ist, und das ist auch gut so!

Berlin-Charlottenburg

Trotz alledem, der Westen scheint aufzuholen. Zum einen natürlich, weil der Osten überlaufen ist, aber vielleicht ist es auch eine Rückbesinnung auf vergangene Tage. Wenn einem Viertel das Potential eines Szenekiezes zugeschrieben wird, dann handelt es sich in der Regel um Stadtteile, die grundsätzlich schon mal ein paar Voraussetzungen mitbringen. Niemand würde auf die Idee kommen, etwa Berlin-Schmargendorf oder Mariendorf diesbezüglich eine positive Zukunft zu prognostizieren. Anders ist das im Fall von Charlottenburg. Für viele schlummert dort der neue Szenekiez Berlin. Charlottenburg bringt die nötige Infrastruktur mit, aus der sich eventuell etwas entwickeln könnte. Bahnhof Zoo, Savignyplatz, Kudamm sowie die Deutsche Oper und die Schaubühne waren schon immer Anziehungspunkte in Berlin-Charlottenburg. Allerdings, und da liegt das eigentliche Problem, ist Charlottenburg seit jeher die Gegend der Besserbetuchten. Geld und graues Haar dominieren das Stadtbild. Wo schon Harald Juhnke die Bars West-Berlins leertrank, verirrt sich selten ein trendbewusster und extravaganter Hipster, Marke Kreuz-Kölln. Auch Wohnraum ist kaum verfügbar, und wenn, dann recht teuer. Prognose: Sollten die momentanen Bewohner Charlottenburgs in 20 Jahren alle verstorben sein, und endlich ihre Wohnungen frei werden, könnte das Konzept Szenekiez Berlin-Charlottenburg noch einmal neu in Angriff genommen werden.