Amazon Go: Das neue Zeitalter des Einkaufens?

Mode & Lifestyle von Daniel am 10.12.2016

Amazon startete 1995 als Online-Buchhandel mit einer Million Titeln und einer spartanischen Homepage. Heute bieten der Gigant und sein Marketplace mehr als 350 Millionen Produkte in unzähligen Kategorien an und sind für 60 Prozent des Online-Wachstums verantwortlich. Jetzt schüttelt Amazon mit der vielleicht radikalsten Idee des E-Commerce seit Jahren ein As aus dem Ärmel, das zunächst für verständnisloses Kopfschütteln sorgen könnte: ein bargeldloser Supermarkt ohne Kassen und Schlangen.

Pionier der Online-Geschäfte

„Falls alles nach seinem wagemutigen Plan läuft – manche mögen ihn als haarsträubend bezeichnen – wird dieses Online-Kaufhaus in den nächsten Jahren seine Kapazitäten ausschöpfen und einfach alles anbieten: Waschmaschinen, Autos, Gummi-Dichtungen, Prozac, Fitnessgeräte, Marmelade, Modellflugzeuge, alles außer Schusswaffen und lebende Tiere. Du suchst dir was aus und Amazon wird es dir liefern. „Alles“, sagt Bezos,“ mit einem großen A.“ Und das ist genau der Punkt: Jeffrey Preston Bezos versucht nicht weniger, als die weltgrößte Auswahl an verschiedensten Gütern zusammenzustellen und sie auf seine Webseite zu packen, damit Leute sie finden und kaufen.

Just Walk Out

Der Online-Gigant Amazon wird eine Ladenfiliale in Seattle eröffnen, so dass Kunden fortan die Möglichkeit geboten bekommen, Amazon-Produkte auf herkömmliche Weise in einem normalen, physisch vorhandenen Ladengeschäft zu erstehen. Das einzigartigste Merkmal dieses Ladens namens Amazon Go ist, dass er über keine einzige Kasse verfügt. Man läuft einfach hinein, schnappt sich, was man will, und verlässt die Räumlichkeiten wieder. Amazon nennt dieses neue Prinzip schlicht und ergreifend die „Just Walk Out“ Shopping-Erfahrung.

Schlange stehen war gestern: Amazon Go
Schlange stehen war gestern: Amazon Go

Der Mutterkonzern beschreibt sein neues Baby Amazon Go als „eine neue Generation von Ladengeschäft, welches keinen Checkout benötigt.“ Das bedeutet, dass man niemals Schlange stehen muss, wenn man bei Amazon Go einkauft, der Einkauf läuft komplett über die neue, kostenlose Amazon Go App.

Deep Learning

Eigenen Aussagen zufolge begann Amazon schon vor vier Jahren mit der Entwicklung des Konzeptes und hatte die Idee, „die Grenzen der Computertechnik und lernfähigen Maschinen zu erweitern und einen Laden zu erschaffen, in welchem Kunden einfach nehmen können, was sie wollen, und gehen“. Amazon Go nutzt dafür dieselben Technologien, die sonst in selbstfahrenden Autos Verwendung finden, wie Computer Vision, Informationsfusion und Deep Learning. Dadurch wird erkannt, wenn Produkte aus den Regalen genommen oder wieder zurückgelegt werden, und ständig wird der virtuelle Einkaufswagen des Kunden aktualisiert. Wenn man den Laden verlässt, wird einfach über den Amazon-Account und die bevorzugte Zahlungsmethode abgerechnet.

Amazon-Go-App

Alles was das Herz begehrt

Angeboten wird verzehrfertiges Frühstück, Mittag- und Abendessen, sowie Snacks – alles davon entweder frisch zubereitet oder von lokalen Küchen und Bäckereien. Das Sortiment an Lebensmitteln reicht von Grundnahrungsmitteln wie Brot und Milch über handgemachten Käse bis hin zu Schokoladenspezialitäten. Es werden Produkte etablierter, beliebter Hersteller zu finden sein, sowie einige Spezialitäten, bei welchen man sich nach eigener Aussage freut, die Kunden zu überraschen. Des Weiteren wird man Amazon Meal Kits kaufen können, die alle Zutaten enthalten, mit welchen man eine Mahlzeit innerhalb von 30 Minuten frisch zubereiten kann.

App aufs Handy und los geht‘s

Um loszulegen, braucht man einen Amazon Account, ein Smartphone und die Amazon Go App. Amazon Mitarbeiter können in der ersten Filiale in der Nähe des Hauptquartiers in Seattle schon einkaufen, das Anfang nächsten Jahres seine große Eröffnung feiern wird. Der Internet-Versand-Riese, der sich seit seiner Gründung vor 22 Jahren in ein 359 Milliarden Dollar schweres Imperium verwandelt hat, bezeichnet seinen neuen Service als „die fortschrittlichste Shopping-Technologie der Welt.“

amazon-go-checkout

Weiterentwicklung

Der Amazon Go Store ist mit etwa 170 Quadratmetern kleiner als jede größere Aldi-Filiale. Der ganze Service stellt eine Weiterentwicklung der physischen Bücherläden dar, die Amazon bereits letztes Jahr einführte, sowie des Angebots „Amazon Fresh“, was 2007 in einigen dicht besiedelten Großstädten eingeführt wurde und sich seitdem in weiten Teilen von Amerika verbreitet hat. Im Juni schaffte der Service dann den Sprung über den großen Teich, und auch Bewohner Londons wurden mit der Lieferung von Lebensmitteln beglückt.

Neue Generation von Shopping

Mit Amazon Go könnte das Online-Imperium die Art und Weise, wie wir einkaufen für immer verändern, vorausgesetzt, es stößt seitens der Kundschaft auf genügend Resonanz. In der gleichen Weise wie Ladengeschäfte durch Amazon.com zunehmend gezwungen wurden, auf den Onlinehandel umzusatteln, könnten Supermärkte jetzt abermals dazu gezwungen werden, Amazons Geschäftsmodell nachzueifern –  oder mit einem veralteten auf der Strecke zu bleiben.

Amazon Go in Washington
Amazon Go in Washington

Wird sich Amazon Go durchsetzen?

Die große Frage wird sein, wie populär es letztendlich werden wird. Amazon hat die letzten Jahre konstant innovative Konzepte auf den Markt geworfen, die darauf abzielten, das Einkaufen so reibungslos wie möglich zu gestalten. Vieles stieß zunächst auf Skepsis und setzten sich später als Standards durch, die nicht mehr wegzudenken waren – man denke an Services wie One-Click Shopping oder das Prime Angebot, was mittlerweile 50 Millionen Abonnenten verbuchen kann.

Die Welt gehört den Mutigen

Auf alle Fälle wird Amazon Go der Beweis dafür sein, dass der Mutterkonzern in seiner 22  Jahre langen Laufbahn kein bisschen Ambition eingebüßt hat. Sei es die Kombination von lernfähigen Maschinen mit seinen Cloud-Services, die Kooperation mit HBO als großer Angriff auf den Konkurrenten Netflix, die Erweiterung von Prime Video um Live-Sport-Angebote, oder eben Einkaufen ohne in Schlangen zu stehen: Amazon scheint so verwegen zu sein wie eh und je.