Copycats. Die Geschichte von Zara und Tuesday Bassen

Mode & Lifestyle von Sibylle am 29.07.2016

Kennt ihr eigentlich Tuesday Bassen? Nein?

Und kennt ihr Zara? Das spanische Textilimperium? Vermutlich schon. Und wahrscheinlich haben auch viele von euch dort schon das ein oder andere, hübsche Teil eingetütet.

Seit ein paar Tagen kennen wir nun aber auch Tuesday Bassen. Die 26jährige Kalifornierin ist Illustratorin, und eine recht begabte noch dazu. Sie hat ein eigenes Label und vertreibt dort Kleidung und verschiedenste Accessoires, limitierte Drucke und bezaubernden Deko-Kram, ihr Stil changiert irgendwo zwischen California Skatergirl und feministisch angehauchten Comic-Elementen, mit einem Hauch Hipster und einem dicken Augenzwinkern obendrauf. Kurzum: sehr gelungen und auf den Punkt gebracht, genau das, was die hungrige, kaufkräftige Modemeute im Sommer 2016 eben gerade heiß begehrt.

Copycats Tuesday Bassen Zara
Foto: Instagram / Tuesday Bassen

Traurige Berühmtheit erlangte Tuesday nun also diese Woche, als mehrere ihrer glücklichen Kunden sie darauf hinwiesen, dass die von ihr designten Patches und Motive, quasi eins zu eins kopiert, als billige Plagiate beim Textilriesen Zara aufgetaucht waren. Auch bei anderen Unternehmen des Mutterkonzerns Inditex, wie Bershka und Pull&Bear, tauchen Tuesdays Entwürfe auf.

Tuesday Bassen Zara

Nun fällt Zara leider nicht zum ersten Mal durch fiesen Ideenklau auf. Bereits im Jahre 2010 geriet der Konzern in die Schlagzeilen, als die niedlichen und kultverdächtigen Schwalben- und Katzenprints, die wir bei Miu Miu auf dem Runway bewundern durften, in kaum abgewandelter Weise kurz darauf auf einigen vom Zaras Sommerkleidchen auftauchen..

Und noch bevor der Skandal um die geklauten Designs von Tuesday Bassen diese Woche das Netz flutete, befassten sich bereits einige Fashionblogger mit einer neuen Handtasche aus dem Hause Zara, die verdächtig Guccis IT-Bag „Dyonisus“ ähnelt. Hm. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt… Oder?

Einerseits haben wir es in den letzten Jahren mit einem immer härter umkämpften, immer schnelllebigeren Modemarkt zu tun. Die Designer müssen nicht, wie früher, eine Sommer- und eine Winterkollektion entwerfen, nein, plötzlich werden auch Zwischenkollektionen, sogenannte Cruise-Collections, verlangt. Eine Modewoche jagt die nächste, und was gestern noch total angesagt war, ist heute schon wieder passé.

Neue alte Trends

Gleichzeitig gibt es kaum wirklich neue Trends. Vieles ist in ähnlicher Form schon einmal dagewesen und kommt wahlweise in einer Neuauflage auf den Markt. Oder aber es wird fleißig zitiert, wie wir am aktuellen 90er Jahre Trend (inklusive Tattoo-Halsband-Chokern, klobigen Plateausandalen und unvorteilhaften Mom-Jeans) sehen können.

Tuesday Bassen
Foto: Instagram / Tuesday Bassen

So ist es natürlich oft nur ein schmaler Grat zwischen zufälliger Inspiration und absichtlichem Abgekupfere. Irgendwie ist ja auch alles schon mal da gewesen, in der einen oder anderen Art und Weise. Und natürlich muss man auch einräumen, dass es durchaus möglich ist, dass mehrere Menschen auf dieser Erde, unabhängig von einander, ähnliche bis gleiche Ideen haben, und diese dann auch umsetzen. Bestes Beispiel: Dreiecke. Die sind des Hipsters liebstes Ding und tauchen einfach überall und auf allem auf – vom kleinen Indie Label bis zum großen Highstreet Shop, vom Plattencover bis zur Bettwäsche. Hier hat vermutlich niemand vom anderen geklaut, denn Dreieck ist ja nun einmal Dreieck und kann nicht nochmal neu erfunden werden.

Für viele große Designer ist es oftmals sogar eine Ehre, wenn andere von ihnen abkupfern. Céline-Designerin Phoebe Philo verriet der amerikanische Vogue, dass sie sich erst Sorgen mache, wenn sie nicht mehr kopiert werde. Gefolgt von einem höchst geschmeichelten „I love it!“. Klar, ist ja auch Balsam fürs Ego zu sehen, dass die Welt so sehr auf die eigenen Ideen abfährt, dass jeder sie haben möchte. Und im Falle von Céline, Prada, Gucci und Co. auch sicherlich nicht wirklich geschäftsschädigend. Einerseits gibt es so doch direkt gratis Presse, Aufmerksamkeit und Titelseiten, was wiederum dem eigenen Label Aufwind verschafft. Andererseits sind die typische Miu Miu-Kundin und der durchschnittliche Zara-Shopper weit entfernt davon, die gleiche Zielgruppe zu sein – das Annektieren der eigenen Designs durch Andere fügt den Haute Couture Labels also keinerlei finanziellen Schaden zu.

Kleine Designer haben das Nachsehen

Anders sieht das im Fall von Tuesday Bassen aus. Kleine Designer stecken oftmals jeden einzelnen Cent und ihr ganzes Herzblut in ihre Arbeit. Der Umsatz, den sie generieren, wird größtenteils in neue Projekte gesteckt oder deckt gerade mal die Unkosten. Und mit dem, was unterm Strich übrigbleibt, finanzieren sie keinen Porsche, keine Bonuszahlungen oder den x-ten Maledivenurlaub, sondern zahlen ihre Miete, die Stromrechnung, die Schulbücher ihrer Kinder und Zahnarztrechnungen. Kurzum: Für kleine unabhängige Designer ist es im Gegensatz zu großen Labels, hinter denen Multi-Milliardenkonzerne stecken, existenz- bis lebensbedrohend, wenn man sie dreist kopiert und ihre Ideen unter anderem Namen und oft auch noch zu Dumpingpreisen verkauft.

Tuesdays Lollipop-Patch
Foto: Instagram / Tuesdays Lollipop-Patch und unten rechts Zaras Kopie

Jedes Mal, wenn wieder über die Arbeitsbedingungen bei der Herstellung unserer Kleidung debattiert wird, geht ein Aufschrei um die Welt (völlig zurecht). Es wird diskutiert und bemängelt, nach Lösungen gesucht, zum Boykott aufgerufen. Die skandalösen Zustände in den asiatischen Fabriken sollen hier und heute nicht detaillierter erläutert werden, nicht, weil sie es nicht wert wären, sie sind es, ohne Frage – es würde an dieser Stelle einfach den Rahmen sprengen. Doch wenn wir uns so empören über die Ausbeutung einfacher Arbeiter am anderen Ende der Welt, müssen wir uns dann nicht auch empören über den Missbrauch an den Urhebern, den Schöpfern all der schönen Dinge, die uns – Konsumverzicht hin, Achtsamkeit her – eben doch den normalen Alltag versüßen?

Gabriella Sanchez Herz-Patch
Foto: Instagram / Gabriella Sanchez Herz-Patch, unten rechts Zaras plagiierte Version.

Wir müssen es, und diesmal tun wir das auch. Tuesday Bassen hat Zaras dreisten Copycat-Aktionismus nicht auf sich sitzen lassen und ist zum Anwalt gegangen. Satte 2000 $ hat sie auf den Tisch gelegt, dafür, dass ihr Anwalt einen Brief an Zara schreibt und ihr gleichzeitig jede Hoffnung auf Gerechtigkeit nimmt. Denn Zaras Antwort kommt prompt und ist unverschämt überheblich und siegessicher: Tuesday Bassen, als kleine Indie Künstlerin, sei einfach zu unbedeutend und ihre Arbeiten für den Großteil der Weltbevölkerung völlig unbekannt. Zara dagegen ein Global Player, und somit könne Tuesday sowieso nichts tun gegen das freie Bedienen an ihrer Arbeit, und die Angelegenheit sei für Zara damit erledigt.

Bassen gibt nicht auf

Ein klassischer Fall von David gegen Goliath, aber Tuesday lässt sich nicht einschüchtern und geht in die Offensive. Sie postet Fotos ihrer Produkte und der Plagiate auf Instagram und macht ihre Geschichte öffentlich. Schnell gehen die Bilder viral, die Menschen solidarisieren sich mit Tuesday, und immer mehr Betroffene melden sich bei ihr. Coucou Suzette, Georgia Perry, Will Bryant –  um nur ein paar der betrogenen Künstler zu nennen. Die Seite Shoparttheft  sammelt sie alle und bietet ihnen eine Plattform. Die Kreativen vernetzen sich, glückliche Kunden solidarisieren sich mit den Designern, und der Shitstorm rollt unaufhaltsam auf Zara zu.

shoparttheft
Foto: Instagram / Shoparttheft

Und Zara? Was sagen die denn dazu? Nach dem arroganten Brief an Tuesday sind sie wohl doch etwas erschrocken über die negative Publicity und rudern zurück:

„Inditex (der Zara-Mutterkonzern) respektiert die individuelle und kreative Arbeit aller Künstler und Designer in höchstem Maße“, sagt ein Konzernsprecher. Man wolle nun gemeinsam eine Lösung finden und stehe in Kontakt mit den Anwälten der 26jährigen. Die Ansprüche von Künstlern an ihrem eigenen, geistigen Eigentum nehme man sehr ernst. Interne Untersuchungen seien eingeleitet worden, und die betroffenen Artikel bereits aus dem Verkauf genommen.

Wir können also gespannt sein, wie der Krimi um Zaras sorgenlose Bedienmentalität weitergeht. Als Verbraucher können wir uns nur immer wieder bewusstmachen, dass nicht nur körperliche Arbeit in unserer Kleidung steckt. Wir können ein Bewusstsein dafür entwickeln, was und wo wir kaufen, und auch die geistige und künstlerische Leistung hinter jedem einzelnen Teil würdigen. Und wir können uns doppelt überlegen, wen wir mit unserem hart verdienten Geld unterstützen wollen.