Jan Böhmermann – hopp oder top?

Mode & Lifestyle von Fabian am 02.02.2016

AN!

ihm scheiden sich die Geister! Jan Böhmermann ist das Enfant terrible der Unterhaltungsbranche. Die einen halten ihn für genial, die anderen für einen Spinner. Radio, Fernsehen und Stand-up – der Junge aus Bremen hat überall seine Finger drin. Sein Satire-Song „Ich hab Polizei“ schaffte es bis in die Charts und der Varoufakis-Stinkefinger war einer der genialsten PR-Gags aller Zeiten. Mit derartigen Aktionen erzeugt er viel öffentliche Aufmerksamkeit und ist in aller Munde, doch leider kann man das von seinen Fernseh- und Radiosendungen nicht behaupten. Das liegt zum einen daran, dass diese Shows zu irgendwelchen Unzeiten im Spartensender ausgestrahlt werden, größtenteils aber, dass Jan Böhmermann in keine Schublade passt. Für die öffentlich-rechtlichen Sender ist er zu progressiv und anarchistisch. ARD und ZDF kamen schon mit Harald Schmidt nicht klar und erstarren weiterhin in ihren biederen Samstagabendformaten. Für die privaten Sender ist er zu anspruchsvoll. Deren Zuschauerklientel wird durch Typen wie Stefan Raab, Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf bedient. Jan Böhmermann ist nicht massentauglich. Eine schönere Auszeichnung kann es für einen kreativen Geist eigentlich kaum geben, trotzdem birgt dieses Urteil natürlich Nachteile, denn letztlich zählt nur die Quote. Die neueste Show zusammen mit Olli Schulz ist gerade angelaufen, und auch schon wieder vorbei. Es gab nur vier Folgen, die quasi als Testlauf dienten. Das Ergebnis ist gute Unterhaltung mit geringen Zuschauerzahlen von wenigen Hunderttausend, Zukunftsprognose eher negativ.

jan böhmermann
Quelle: DieZeit

Und trotzdem hält sich Jan Böhmermann auf der Mattscheibe. Verschwindet das eine Format, taucht ein neues mit ihm auf, ein unwiderlegbarer Beweis für seine Qualität. Was unterscheidet ihn von den anderen Möchtegernleinwandhelden, die regelmäßig nach einem kurzen rasanten Aufstieg wieder in der Versenkung verschwinden? Böhmermann hat definitiv großes Talent und mittlerweile auch schon einiges an Erfahrung vorzuweisen, vor allem aber ist er konkurrenzlos. Seit der König des Late Night, Harald Schmidt, die TV-Bühne verlassen hat, klafft eine Lücke. Intelligenter Humor – Satire – Polemik, wie auch immer man es nennen möchte, können die wenigsten. Viele versuchten sich an diesem Format und scheiterten kläglich. Anne Engelke war nicht ernst genug, Oliver Pocher zu primitiv, Benjamin von Stuckrad-Barre zu chaotisch, und Thomas Gottschalk einfach ein halbes Jahrhundert zu alt für diese Art von Fernsehen. Das entstandene Vakuum füllt der ehemalige Redakteur der Harald Schmidt-Show aus, laut eigener Aussage, weil er der Einzige ist, der es versucht, und deshalb wird es Zeit für eine eigene Late Night-Show. Das ZDF, wo er regelmäßig auf ZDFneo das Neo Magazin moderiert, bewirbt die Sendung mit den Hinweis „Deutschlands einzige ernstzunehmende Unterhaltungsshow“, traut sich aber nicht, Böhmermann in den Stammsender zu befördern. Seine Unberechenbarkeit macht den Verantwortlichen Angst, dabei liegt genau darin die Stärke des Moderators. Jan Böhmermann ist die geborene Rampensau und hat dabei keinerlei Skrupel. Er ist witzig und provokant, seine Formate innovativ und unterhaltsam. Böhmermann spielt mit gesellschaftlichen Normen und politischer Unkorrektheit. Er bricht Tabus, die gesellschaftlich geächtet sind. In seinen Sendungen wird geraucht, er bietet seinen Gästen Negerküsse an und es wird harter Alkohol getrunken, Dinge, die in der heutigen Fernsehwelt als No-Go gelten.

Jan böhmermann
Quelle: siegstyle

Dabei ist das alles streng genommen gar nicht neu, sondern alt. Fernsehstudios im 70er Jahre Ambiente, qualmende Aschenbecher und volle Whiskeygläser, versprühen eine beschauliche Kalte Krieg-Atmosphäre, und wecken Assoziationen an die gute alte Zeit. Böhmermann schafft es als revolutionär zu gelten, indem er einfach reaktionär ist. So und ähnlich liefen TV-Shows nämlich schon vor 30 Jahren ab, bevor Sittenwächter, Gesundheitsfanatiker und übereifrige Verfechter der political Correctness den Spaß aus dem Fernsehen verbannten. Damals wurde noch Klartext gesprochen. Rauch- und Alkoholverbote, Tempolimit und Anschnallpflicht, medialer Einheitsbrei und political Correctness  – unsere heutige Gesellschaft ist extrem verweichlicht und vorsichtig geworden, und vor allem erzieht sie unmündige Bürger. Wir versuchen uns und insbesondere unsere Kinder in Watte zu packen und klammern dabei die Realität aus. Das Ergebnis sind uniformierte, nicht denkende und rückgratlose Kreaturen, die keine eigenen Meinungen und Perspektiven entwickeln können. Diese Gleichgeschalteten sitzen dann vor dem Fernseher und sehen den Anarchisten Jan Böhmermann all das machen, was ihnen von Eltern, Lehrern und staatlichen Organen verboten beziehungsweise als verwerflich vorgegeben wird. Jan Böhmermann ist nicht nur die letzte Hoffnung des deutschen Fernsehens, sondern auch der Messias dieser degenerierten kritischen Masse jugendlicher Orientierungslosigkeit und deshalb muss er Late Night machen.