Sneaker Boom – Sind Turnschuhe in der Haute Couture angekommen?

Mode & Lifestyle von Daniel am 06.03.2017

Spätestens seit Karl Lagerfelds Models bei der Chanel-Show in Paris in Turnschuhen über den Laufsteg flanierten, haben sich Sneaker von ihrem reinen Casual-Image verabschiedet und können sich durchaus auch in der Welt der Haute Couture blicken lassen. Neue Modelle kommen nicht einfach in die Läden, sie werden „released“ wie Musikalben. Seit sie auch noch von berühmten Musikern designed werden, wird mitunter vor Geschäften gecamped, um ein neues Modell zu ergattern.

sneaker-boom

Sneaker kein Zeichen der Unangepasstheit mehr

Einen Skandal, wie einst Joschka Fischer, der sich in adidas-Turnschuhen vereidigen ließ, wird man mit Sneakern heutzutage nicht mehr auslösen können, denn ein Symbol der Unangepasstheit und Rebellion sind sie schon längst nicht mehr – ganz im Gegenteil. Michael Michalsky ist auch ein großer Fan der Bequem-Treter, weil sie Designern so viele Möglichkeiten bieten in Sachen Farben, Gestaltung und Materialmix. „Sie strahlen Sportlichkeit, Lässigkeit und Energie aus“, sagt er. „So flexibel kann man mit normalen Schuhen nicht arbeiten. Sneaker kitzeln die Kreativität der Designer.“ Besonders gefragt seien „High Tops“, die hohe Variante, mit denen Joschka Fischer einst so viel Aufsehen erregte.

Sneaker Boom Teil des Athleisure-Hypes

Athleisure nennt sich der weltweite Hype, welchem man sich auch außerhalb großer Mode-Metropolen inzwischen nicht mehr entziehen kann: Einflüsse funktioneller, bequemer Sportswear im Luxussegment – oder eben umgekehrt Luxusmode, die bequemer wird. Jogginghosen sehen aus wie Teile edler Anzüge, Cara Delevigne trägt auf dem Laufsteg Kapuzenpulli, und selbst Modezar Lagerfeld adelt Sportschuhe, obwohl er vor nicht allzu langer Zeit noch der Meinung war, wer eine Jogginghose trage, habe „die Kontrolle über sein Leben verloren“. Nach dieser Inszenierung machte sich in der Sneaker-Industrie kollektiv Erleichterung breit, herrschte doch wie bei jedem Hype die Gefahr, dass er platzen könnte, wie eine Seifenblase.

sneaker-boom

Sneaker Boom auch in der Haute Couture

Inzwischen entwerfen Designer auch selber Sneaker, diese Kooperationen etablierter Namen der High Fashion mit großen Marken sind ein ganz großes Thema in der Mode-Branche. Raf Simons hat beispielsweise einen „Response Trail Running Sole Shoe“ für schlappe 320 Euro auf den Markt gebracht, im Berliner Trend-Laden „Voo“ stehen Designer Sneaker von Nike in einer ähnlichen Preisklasse in den Regalen.

Turnschuhe zum Seidenkleid

Herbert Hofmann, dem Einkäufer und Manager des coolen „Influencer“-Stores, in welchem vorzugsweise Englisch gesprochen wird, fielen schon vor Jahren während eines Skandinavien-Aufenthaltes Frauen in edlen Seidenkleidern auf, die Sneaker trugen. Der Sneaker Boom existiert international also nicht erst seit gestern. „In Berlin ist der Trend supergut aufgenommen worden.“ Ob im Sterne-Restaurant, zum Fashion-Event oder im Club: „Man kann hingehen, wo man will, man wird mit Sneakers reingelassen“, sagt Hofmann.

sneaker boom

Sneaker Boom gleicht Kulturwandel

„Gewinner des Jahres sind die Hersteller von Sportschuhen“ lautet das Fazit des Bundesverbandes der Schuh- und Lederwarenindustrie (HDSL) nach der diesjährigen Branchenmesse GDS in Düsseldorf. Die Schuhindustrie konnte letztes Jahr ein Wachstum um fast sieben Prozent auf 2,8 Milliarden Euro  verbuchen und das ist fast ausschließlich dem Sneaker Boom zu verdanken. Abgesehen von Sport- und Sicherheitsschuhen lag der gesamte Rest der Branche im Minus. Viele große Straßenschuhhersteller melden stagnierende oder rückläufige Umsatzzahlen“, erläutert HDSL-Hauptgeschäftsführer Manfred Junkert „Wir stecken mitten in einem Kulturwandel.“

Zurück in die Zukunft

In einer so florierenden Branche wird natürlich auch viel Geld und Mühe in Forschung und Investitionen gesteckt, weshalb mittlerweile auch Dinge möglich gemacht werden, die vor einigen Jahren noch völlig utopisch zu sein schienen oder die wir nur aus Science-Fiction-Filmen kannten: Selbstschnürende und dazu noch futuristisch aussehende Schuhe, genau wie sie Marty Mc Fly damals auf seinem Hoverboard trug. Da muss man ja die Träume von einem fliegenden DeLorean noch nicht voreilig begraben.

Sneaker Boom ist Popkultur

In der Popkultur sind Sneaker schon lange angekommen: Run DMC hatten adidas bereits in den 80ern einen eigenen Song gewidmet, aus den Rap-Videos waren sie ohnehin nicht wegzudenken, Skateboardfahren wäre ohne vulkanisierte Sohlen ein noch schwierigeres Unterfangen, als ohnehin schon. Inzwischen gibt es fast niemanden mehr, der die bequeme Casual Wear nicht im Schuhschrank stehen hat. „Die Leute sind verwöhnt und wollen sich nicht mehr in harte Lederschuhe zwängen“, so Claudia Schulz, die Trendexpertin des deutsche Schuhinstituts. Klassische Businessschuhe und hochhackige Pumps werden ihrer Meinung nach nur noch aus dem Schrank geholt, wenn es besondere Anlässe tatächlich verlangen.

Schuhe als Wertanlage

Vom Sneaker Boom profitiert vor allem der Online-Handel und spezielle Sneaker-Shops, für welche es mit der Lace’d up und der Sneakerness sogar eigene Messen gibt. Die erste findet ganze fünf Mal im Jahr statt. Dort werden außer Neuheiten auch heiß begehrte, streng limitierte Sondereditionen gezeigt, die den Sneakerheads sogar als Geldanlage dienen und sich preislich nicht selten in vierstelligen Bereichen bewegen.

Der deutsche Schauspieler Oliver Korritke hortet seine Herren Sneaker sogar als eine Art Rentenversicherung und besitzt über 2500 Paar, wovon er nur einen Bruchteil trägt und den Rest für Notfälle aufhebt, wie er dem „Playboy“ erzählte. Wenn es mit der Karriere mal bergab gehen sollte, möchte er die Sammlung im Internet verkaufen. Bleibt nur zu hoffen, dass der Sneaker Boom bis dahin anhält.

Wenn ihr ausgiebige Infos zu Sneakers sucht und auf der Suche nach coolen Schnäppchen seid, schaut mal bei Urbansneakers vorbei!