Zwischen Porno und Prüderie – Die TV-Show „16 and Pregnant“

News von Fabian am 26.08.2016

Wer hätte das gedacht? Die Zahl der Teeniemütter in den USA sinkt und das offensichtlich dank des Fernsehens! Genauer gesagt wegen der TV-Show 16 and Pregnant. Dabei gilt doch das Fernsehen in den USA landein, landauf als der Ursprung alles Bösen. Amokläufer, Gewalt- und Sittentäter holen sich hier nach Meinung vieler die Inspirationen für ihre Verbrechen und abartigen Entgleisungen.

Tshirt mit Print Parental Advisory auf Brusthöhe

Das Fernsehen hat etwas Gutes vollbracht. Wenn das keine Meldung ist! Bei vielen Amerikanern gilt Fernsehen nämlich schlichtweg als Werkzeug des Teufels. Insbesondere in den konservativen Weiten des amerikanischen Westens, wo sich Cowboys und Coyoten gute Nacht sagen, herrschen althergebrachte Meinungen und Vorurteile. Das Fernsehen als Medium und Ausdrucksform von degenerierten, amoralischen und orientierungslosen Jugendlichen, die als potentielle Opfer moderner Zeiten unbedingt zu schützen sind, wird deshalb vielerorts abgelehnt beziehungsweise nur ausgewählt ins heimische Wohnzimmer gelassen. Die lieben Kleinen sollen schließlich nicht verdorben werden.

Der Konservatismus breiter Schichten der amerikanischen Gesellschaft stinkt wirklich zum Himmel und steht in keinem Verhältnis zu anderen Phänomenen, wie zum Beispiel dem unregulierten Waffenverkauf- und Gebrauch. Wenn Jugendliche in Schulen Amok laufen, ist das natürlich schrecklich, und im Zweifelsfall auf das Fernsehen oder Videospiele zurückzuführen. So zumindest die Meinung der strengen Sittenwächter. Das Gleiche gilt für die scheinheilige Prüderie von Eltern, Lehrern und Kirchenvertretern, die bei jedem blanken Busen im Fernsehen aufschreien, und jedes in einem Film gesprochene „Fuck“ mit einem Piepton unterlegt wissen wollen, während auf der anderen Seite die US-Pornoindustrie die größte der Welt ist.

16 and Pregnant verantwortlich für weniger Teenieschwangerschaften

Es gibt eine Vielzahl angeblich wissenschaftlich fundierter Studien zum Medienkonsum- und Verhalten von Kindern und Jugendlichen. Wenn es allerdings danach geht, ist jeder World of Warcraft-Spieler ein potentieller Killer, wer auf Mafiafilme steht, der nächste Supergangster, und jeder, der mal einen Porno gesehen hat, ein perverser Psychopath. Man schafft sich gerne einfache Erklärungsmuster.

Doch nun soll doch tatsächlich einmal das Gegenteil sämtlicher Prognosen der sogenannten Fachleute eingetreten sein. 16 and Pregnant – eine Dokuserie auf MTV, die Teeniemütter nach der Geburt ihres Kindes für einige Monate mit der Kamera begleitet, ist angeblich dafür verantwortlich, dass die Schwangerschaftsrate von Minderjährigen in den USA gesunken ist, und das um ganze sechs Prozent. Hatten die Moralapostel aller Schichten und Fraktionen zunächst noch größte Bedenken angemeldet, in Hinblick darauf, dass 16 and Pregnant eventuell zu verharmlosend und gar verherrlichend mit dem Thema Schwangerschaft umgehen könnte, wurden sie nun eines Besseren belehrt. Seit Ausstrahlungsbeginn der Serie im Jahre 2009 sind die Teenieschwangerschaften um die betreffenden sechs Prozent gesunken. Befürworter und Fans der Serie machen die im positiven Sinne abschreckende Wirkung von 16 and Pregnant dafür verantwortlich.

Trauriges Mädchen mit positivem Schwangerschaftstest

Unterschichtenfernsehen made in USA

Abgesehen davon, dass das Format von 16 and Pregnant wirklich abschreckend auf den ahnungslosen Zuschauer wirkt, das Ganze erinnert an Unterschichtenfernsehen auf RTL 2, Marke „Frauentausch“, D-Promidokus und „Berlin bei Tag und Nacht“, scheint es tatsächlich so zu sein, dass die Fans der Serie durch die dargestellten Fälle gewarnt sind, und sich keineswegs animiert fühlen, den Akteuren der Serie nachzueifern.

Ganz im Gegenteil: Studien und Analysen wollen demnach belegen, dass die Zuschauer(innen) von 16 and Pregnant sich vermehrt über Verhütungsmöglichkeiten und ungewollte Schwangerschaften informiert haben. Als neutraler Zuschauer kommt das nicht überraschend, denn die gezeigten Beispiele haben tatsächlich kein Nachahmungspotential. Die Story ist immer ähnlich. Entweder handelt es sich bei der werdenden Mutter um ein Partygirl, mit zwielichtiger Vergangenheit, Suchtproblemen und ungeklärten Verhältnissen zu ihren Freunden und Familien, und nun des Kindes wegen ein seriöses Leben führen muss. Oder aber es ist die schüchterne, religiöse Unschuld vom Land, die nach einem One-Night-Stand oder einen anderen unglücklichen Umstand plötzlich schwanger ist, nun von ihrem Umfeld und dem eigenen Gewissen geplagt wird, und zurück auf den Pfad der Tugend gebracht werden soll.

Die potentiellen Väter beider Varianten der vom Schicksal geschlagenen Akteurinnen lassen sich oft nur schwer ausfindig machen, sind gerne mal drogenabhängig, und haben in der Regel keinen Bock auf das gemeinsame Kind, oder müssen von den Segnungen einer Teenagerschwangerschaft erst mühsam überzeugt werden. Ach ja, gerne und oft wird auch das Motiv der drogen- oder alkoholabhängigen Großeltern in spe mit eingebaut. Die wohnlichen Begebenheiten sehen entsprechend aus. Das ist Reality-TV aus den Niederungen der menschlichen Gesellschaft.

Stopschild mit der Aufschrift "Stop Teen Pregnancy"

Good Night USA

Für die amerikanische Gesellschaft kann man nur hoffen, dass die Darsteller von 16 and Pregnant nicht repräsentativ für die kommende Generation im Allgemeinen stehen, sonst sind die USA unweigerlich dem Untergang geweiht, und Russland hat spätestens in 20 Jahren den Kalten Krieg doch noch gewonnen – und das ganz ohne Waffen. Es gibt jedoch berechtigte Hoffnungen, dass 16 and Pregnant glücklicherweise kein Abbild des Durchschnittsjugendlichen in den USA ist. Die Teeniemütter haben so wohlklingende Namen wie Autumn, Summer und Savannah, bei uns wären das Mandy, Chantal und Samantha. Die angehenden Mütter, die Erzeuger der künftigen Kinder und auch die meisten Familienangehörigen sind überdurchschnittlich unattraktiv, hausen in irgendwelchen Löchern, und machen einen verlotterten Eindruck, der teilweise an Penner und Straßenzeitungsverkäufer erinnert. Offensichtlich wurden die Darsteller in Hinblick auf das Publikum gecastet. Man fragt sich wirklich, wo MTV solch ein eindrucksvolle Anzahl an Assis gefunden hat. Das Casting von 16 and Pregnant alleine hätte sicherlich schon einen gewissen Unterhaltungswert gehabt. Also einen bestimmten Abschreckeffekt kann man dieser Serie tatsächlich nicht absprechen. Ob allein deshalb die Schwangerschaftsrate bei Teenagern in den USA gesunken ist, zweifeln allerdings viele Experten an.

Die Flaute der amerikanischen Wirtschaft in den letzten Jahren ist demnach ebenfalls ein Indikator für den generellen Rückgang von Schwangerschaften. Wie dem auch sein, fakt ist, 16 and Pregnant ist äußerst erfolgreich, geht nun schon in die sechste Staffel, und scheint irgendwie den Nerv der Zeit zu treffen. Bestenfalls schafft die Serie ein Bewusstsein für die Schwierigkeiten von Teenieschwangerschaften und verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität! Andererseits sagt es auch einiges über das Unterhaltungsniveau bei Jugendlichen und im Fernsehen allgemein aus.