Brexit: rosige Zeiten für Studenten in Deutschland

News von Fabian am 10.08.2016

„This is the hammer!“ Was haben sich diese Briten denn bitte dabei gedacht? Monatelang wetzten die Altmonarchisten ihre Säbel und schürten die Wahltrommeln für den Brexit. Raus aus der EU! – und nun haben sie England tatsächlich erfolgreich aus Europa hinauskatapultiert.

Brexit rosige Zeiten für Studenten in Deutschland

Nach dem ersten Hurrageschrei ist es allerdings schnell wieder ruhiger geworden, denn es werden langsam einige Auswirkungen sichtbar, die viele nicht auf der Rechnung hatten. Dabei handelt es sich vor allem um Folgen, mit denen sich nachfolgende Generationen werden herumschlagen dürfen. Es ist wie so oft in der vermeintlich großen Politik. Die Alten, meist ergraute Männer in schlechtsitzenden Anzügen mit fragwürdigen Frisuren, treffen weitreichende Entscheidungen, die die Jungen dann auszubaden haben. Einigen Brexit-Propagandisten schwant denn auch so langsam, was sie da für einen kapitalen Vogel abgeschossen haben, und sie verlassen deshalb das sinkende Schiff. Nigel Farage, einer der prominentester Brexit-Befürworter, der jahrelang eine aggressive EU-Austrittspolitik betrieben hatte, verkündete zehn Tage nach dem erfolgreichen Referendum, dass er sein Amt als Vorsitzender der Independence Party aufgeben und sich aus der aktiven Politik zurückziehen würde.

Der ehemalige Bürgermeister von London, Boris Johnson, ein Hitzkopf auf dem internationalen Parkett und berühmtberüchtigt wegen seiner Äußerungen und Eskapaden, galt nach dem Entscheid sogar als Kandidat für das Amt des britischen Premierministers. Er teilte aber wenige Tage nach dem Referendum Politik und Öffentlichkeit mit, dass er nicht zur Verfügung stünde. Ausgerechnet Johnson, der lauteste Schreier aus dem „Leave EU“-Sympathisantenkreis, zog hastig den Schwanz ein, und war eigentlich schon auf dem Rückzug aus der aktiven Politik. Doch er hatte die Rechnung ohne die neue Premierministerin Theresa May gemacht. Die konservative Politikerin hatte sich nämlich etwas besonders Nettes für ihren Parteigenossen ausgedacht. Sie ernannte ihn kurzerhand zum neuen britischen Außenminister. So hat Johnson nun das außergewöhnliche Vergnügen, als offizieller Vertreter der britischen Regierung die Welt bereisen und seinen Gesprächs- und Verhandlungspartnern auf der ganzen Welt erklären zu dürfen, warum er und 51,9 Prozent der Engländer unbedingt zurück ins 19. Jahrhundert wollten. War denn früher wirklich alles so viel besser, als die Engländer noch auf sich alleingestellt waren, und nicht Teil des europäischen Bündnisses?

Zugegeben, das britische Weltreich war schon eine tolle Sache, zumindest für die Engländer selbst. Ihre Flotte beherrschte jahrhundertelang die sieben Weltmeere, ihre Soldaten hatten die halbe Welt von Persien, über Indien bis nach Afrika erobert, und das Mutterland, diese kleine sympathische, wenn auch etwas graue und verregnete Insel vor den Toren Europas, galt als die Wiege der Demokratie und des Parlamentarismus. „God save the Queen (hin und wieder auch den „King“)“ lautete das Motto auf allen Kontinenten. Die kronloyalen und nostalgischen Briten kriegen heute noch feuchtleuchtende Augen, wenn sie an die untergegangene Herrlichkeit britischer Weltmachtfantasien denken. Doch diese Zeiten sind ein für alle Mal vorbei – Gott sei Dank muss man sagen! Seit den goldenen Zeiten des britischen Commonwealth erlebte die Menschheit zwei Weltkriege, unzählige Kolonial- und Befreiungskonflikte sowie eine langwierige gegenseitige Annährung der Völker der Welt, was die meisten vergessen zu haben scheinen. Heute geht es nicht mehr darum, Europa zu beherrschen, sondern als Teil von ihm mit seinen Nachbarn in Einheit, Frieden und Grenzenlosigkeit zu leben. Diese Möglichkeit haben die Briten mit ihrem Votum für dem Brexit nun begraben.

„I understand only train station“. Boris Johnson, der wie eine jüngere, und doch ähnlich beschränkt wirkende Ausgabe von Donald Trump aussieht, passenderweise ist er ja geborener New Yorker, scheinen historische Abrisse aber eher zu langweilen. Stattdessen werden Mauern hochgezogen, stolz der Union Jack gehisst, und der Kontinent, wie die Engländer Europa seit jeher verächtlich nennen, argwöhnisch beäugt. Endlich hat sich England nach Meinung Johnsons und der Brexit-Befürworter aus der europäischen Schlinge befreit. Keine Knebelparagraphen aus Brüssel mehr, die britischen Landwirten, Händlern und Volkswirtschaflern vorschreiben, wie sie was zu bewirtschaften, zu erwerben und zu veräußern haben. Keine zusätzlichen Flüchtlinge, die England der EU abnehmen muss, und die den ohnehin prekären heimischen Arbeitsmarkt belasten. Und auch keine EU-Richtlinien, die Ingenieure und Wissenschaftler in ihrem Tatendrang hemmen.

Brexit Studentenrabatte

Die EU mit ihren Statuten – das ist für die Hälfte der Briten das Werk des Teufels, Brüssel die personifizierte Hölle und der Teufel ist weiblich, trägt Prada und heißt Angela Merkel. Ihre Skepsis gegenüber den Deutschen ist den Briten einfach nicht zu nehmen, und wenn ihnen irgendwas aus Brüssel nicht passt, sie sich von EU-Entscheidungen benachteiligt fühlen, heißt es gerne, dass die deutsche Bundeskanzlerin ihre Finger im Spiel habe, und letztlich schuld sei an der britischen Misere. Aus englischer Perspektive wird die EU oft und gerne mit Deutschland gleichgesetzt, weil Merkel angeblich den europäischen Taktstock schwingt. Und von den Deutschen wollen sich die stolzen Engländer nun wirklich nichts vorschreiben lassen. ‚Ausgerechnet diese größenwahnsinnigen, alles besserwissenden Deutschen, die unsere Städte bombardierten, und die wir in zwei Weltkriegen besiegt haben, wollen uns vorschreiben, was wir zu tun und zu lassen haben. Nicht mit uns!‘ Doch diese schlimmen Zeiten gehören ja nun der Vergangenheit an. „Zum Glück ging dieser Kelch an uns vorüber“, denken sich viele Briten, und erfreuen sich an der neuen Freiheit.

Klingt erstmal super. Da haben die Briten wohl alles richtiggemacht, kann man die Brexit-Fans jubeln hören. Ist nur leider falsch. Die Zahlen sprechen nämlich eine ganz andere Sprache. Wenn England den Grenzbaum endgültig herunterlässt, ist insbesondere im wissenschaftlichen und universitären Bereich mit einem erheblichen personellen und vor allem qualitativen Schwund zu rechnen. An britischen Universitäten studieren und arbeiten tausende von EU-Bürgern. Im Jahre 2015 waren es exakt 124.575 Studenten. Darunter auch mehr als 18.000 Deutsche. 4400 von ihnen waren als Austauschstudenten dort, fast 14.000 absolvieren sogar ihr gesamtes Studium auf der britischen Insel. Gerade bei deutschen Studenten ist England als Studienort sehr beliebt. Die britischen Universitäten genießen einen guten internationalen Ruf, die Sprache ist kein Hindernis, und da England in der EU ist, gibt es keinerlei Probleme für ein Auslandssemester oder auch damit, das komplette Studium auf die Insel zu gehen. Bisher nehmen jährlich rund 7.500 Deutsche diese Möglichkeiten in Anspruch. „Da England in der EU war“, muss es dann bald richtigerweise heißen. Frühestens in zwei Jahren soll der Brexit vollzogen werden. Durch den Austritt aus Europa gelten für die Briten natürlich auch im wissenschaftlichen Bereich und für den universitären Austausch keine EU-Richtlinien mehr.

Brexit Studenten Austausch

„Now we have the salad“. Die neue Situation für die Studenten macht sich in erster Linie an den anfallenden Studiengebühren in England bemerkbar. Bis jetzt galt ein EU-Vertrag über die Arbeitsweise innerhalb der Europäischen Union, in dem es sinngemäß hieß, dass niemand wegen seiner Herkunft und Nationalität in EU-Mitgliedsländern diskriminiert werden oder in irgendeiner Form benachteiligt werden dürfe. Diese Regelung hat auch für Studenten Gültigkeit, und sie bezieht sich auch auf die Studiengebühren. Demnach gelten für ausländische Studierende dieselben Bestimmungen und Gebühren wie für einheimische. Innerhalb der EU dürfen von ausländischen Studierenden keine höheren Gebühren verlangt werden, da dies eine Diskriminierung darstellen würde. Britische Universitäten haben von Haus aus hohe Studiengebühren, aber das ist bekannt, und entsprechend kann sich jeder auf das Studium dort vorbereiten. Viele halten diese Gebühren auch für gerechtfertigt im Austausch für das anspruchsvolle Lernangebot. Momentan kostet ein Studienjahr in England 11.600 Euro. Klar, das ist kein Kleingeld, aber wer das wirklich will, kriegt es auch irgendwie hin. Wenn nun der Brexit in England vollzogen wird, verändert das die Gesamtsituation schlagartig. Studenten aus Nicht-EU-Ländern zahlen dann nämlich rund das Doppelte an Studiengebühren, 23.300 Euro pro Jahr, und das ist schon eine andere Hausnummer. Solche Summen können sich in der Regel dann nur noch Studenten mit dem entsprechenden finanziellen Background leisten. Dadurch würde sich die künftige Kohorte deutscher Studenten in England drastisch wandeln, und einen äußerst elitären Charakter versprühen. Mit Chancengleichheit bei der Aufnahme des Studiums und einem fairen Wettbewerb um verfügbare Universitätsstellen hätte das dann wirklich nichts mehr zu tun.

Aber auch abgesehen von den finanziellen Rahmenbedingungen, ist das Auslandssemester oder der ständige Studienaufenthalt in einem Nicht-EU-Land mit erheblichen Einschränkungen und Auflagen verbunden. Einreisende Studenten müssen sich bald wieder eingängiger mit Visa- und Grenzfragen beschäftigen. Die Zeiten des unkomplizierten Wochenendtrips nach London sind leider vorbei, die des problemlosen Studienaufenthalts in England definitiv auch. Das generelle Interesse von Reisenden an einem Englandaufenthalt würde sinken aufgrund der zu erwartenden Schwierigkeiten, und die englischen Eliteunis würden ebenfalls an Attraktivität für europäische Studenten und Arbeitssuchende verlieren. Und diese hätte ja nicht nur Auswirkungen auf die ausländischen Studenten. Für die britischen Universitäten würde das Ausbleiben internationaler Gaststudierender ein finanzieller, kultureller und vor allem auch qualitativer Verlust bedeuten. Die globale Vernetzung und der wissenschaftliche Austausch sind ja unweigerlich an Personen gebunden, und die würden durch den Brexit erheblich eingeschränkt werden. England läuft nach Meinung vieler britischer Wissenschaftler Gefahr, seine Spitzenposition in Wissenschaft und Kunst schwer zu schädigen beziehungsweise zu verlieren. Von künftigen spannenden EU-Großprojekten würden die Briten dann nur noch in der Zeitung lesen, statt selbst daran beteiligt zu sein, und natürlich wäre auch Schluss mit EU-Forschungsgeldern, von denen britische Universitäten bisher nicht unwesentlich profitierten.

„Studieren in England bedeutet das Studieren im Land der Traditionen und des Fortschritts“, wirbt das deutsche EDU-Institut für Studien- und Berufsberatung für Auslandsaufenthalte auf der britischen Insel. Tja, mit dem Fortschritt ist es leider nicht mehr so weit her, und abgesehen davon, dass der Slogan des EDU-Instituts syntaktisch ziemlich misslungen ist, ist er inhaltlich längst überholt. Vielmehr steht der Brexit für einen Rückfall ins düsterste Mittelalter, was wissenschaftlichen Austausch, europäische Zusammenarbeit und internationale Politik betrifft. Letztlich gibt es in diesem Spiel nur Verlierer. Die größten Verlierer werden die Briten selbst sein mit ihrer Isolationspolitik, wenn sie es jetzt auch noch nicht wahrhaben möchten. Es ist ja beileibe nicht so, dass nur Ausländer in England studieren oder arbeiten möchten. Das Ganze findet natürlich auch in die entgegengesetzte Richtung statt. Beispielsweise müssen britische Studenten, die eine Sprache studieren, Pflichtaufenthalte im Ausland absolvieren. Das ist in Zukunft als Studierender aus einem Nicht-EU-Land mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Die Europäer selbst können natürlich ohne die Briten leben, aber es bedeutet sicherlich einen Verlust für die deutschen und europäischen Universitäten, auf britisches Know-how verzichten zu müssen, und eine generelle Begrenzung des wissenschaftlichen und persönlichen Erfahrungshorizonts, wenn der gegenseitige Austausch derart beschränkt ist. Für die vielen deutschen und aus EU-Ländern stammenden Studenten, die künftig kaum in der Lage sein werden, Auslandserfahrung in England zu sammeln, ist die Situation zwar blöd, aber nicht hoffnungslos.

„Always quiet with the young horses“. Klar, studieren auf der anderen Seite des Kanals ist toll, England ist nicht weit weg, und die Sprache leicht zu lernen oder man kann sie schon. Alles einleuchtende Argumente, trotzdem ist die britische Insel noch lange nicht das Maß aller Dinge. Darüber hinaus gibt es knapp 200 weitere Länder und Möglichkeiten, um mindestens genauso schöne Auslandserfahrungen zu sammeln. Warum überhaupt in die Ferne schweifen, wenn es doch zuhause auch ganz schön ist? Deutschland selbst ist eines der beliebtesten Ziele für internationale Studenten aus aller Welt, und das völlig zu Recht. Abgesehen vom guten Standing der Universitäten und den überzeugenden Lerninhalten, lebt Deutschland immer noch von seinem Ruf als Land der Erfinder und Denker. Zudem ist es eines der sichersten Länder der Welt, mit einer sozialen Absicherung, die weltweit ihresgleichen sucht. Der Lebensstandard ist höher als in den meisten Ursprungsländern der ausländischen Studenten, und viele der Privilegien, die ein Student in Deutschland genießen darf, sind alles andere als gewöhnlich. Und warum sollten deutsche Universitäten nur für ausländische Studenten attraktiv sein?

Die deutschen Studenten sehen ihre vielen Vorteile gar nicht mehr oder nehmen sie vielmehr als gegeben hin. Deshalb an dieser Stelle ein Plädoyer für das Auslandssemester im eigenen Land. Man kann ja trotzdem die Uni wechseln, wenn man mal einen Tapetenwechsel braucht. Berlin, Bielefeld oder Greifswald – es gibt sicherlich eine Menge Orte, die man noch nicht gesehen hat, und die einen gewissen Reiz ausüben. Mal mehr, mal weniger. Gerade das Nord-Südgefälle birgt doch einiges an Abenteuerpotential. Als Bayer in Berlin, oder ein Hamburger im Schwarzwald – das klingt doch nach Extremerfahrung, und darum geht es doch beim Auslandsstudium. Etwas sehen, was man so nicht kennt. Zudem ist das Studentenleben in Deutschland unglaublich günstig. Auf fast alles gibt es Studentenrabatte. Solange du dich an einer Hoch- oder Fachhochschule tummelst und im Besitz eines Studentenausweises bist, kannst du zahlreiche Vergünstigungen abschöpfen. Studentenrabatte gibt es nicht nur bei Handy- und DSL-Tarifen, sondern auch in den Bereichen Computer, Reisen und Finanzen. Und natürlich sind auch insbesondere englische Studenten willkommen, die sich ein Studium im eigenen Land nicht mehr leisten können. Für den Studien- und Wissenschaftsstandort Deutschland ist dies eine positive Entwicklung, und die deutschen Universitäten könnten so die großen Brexit-Gewinner werden.