Mikroexpressionen – Ich weiß, was du denkst…

News von Daniel am 28.10.2016

Wieso merken wir, wenn jemand lügt, auch wenn er kaum eine Miene verzieht? Und warum zeichnet sich ein guter Schauspieler dadurch aus, dass er eigentlich so gut wie gar nichts tut und wir trotzdem wissen, was er fühlt? Die Antwort liefert der weltberühmte Psychologe Paul Ekman mit seiner bahnbrechenden Forschung über Mikroexpressionen: kleinste, flüchtige Bewegungen in unserem Gesicht, die wir gar nicht bemerken, die aber alles über uns verraten.

Charakter aus dem Pixar-Film „Alles steht Kopf“ Quelle: http://de.pixar.wikia.com/
Charakter aus dem Pixar-Film „Alles steht Kopf“
Quelle: http://de.pixar.wikia.com/

Pionier der Geistesforschung

Über eine Zeitspanne von 40 Jahren hinweg hat Paul Ekman nicht nur das Verständnis für Ausdruck und Physiologie von Emotionen neu definiert, sondern sich als absolute Koryphäe im Bereich zwischenmenschlicher Wahrnehmung etabliert. Die American Psychological Association bezeichnet Ekman als einen der 100 einflussreichsten Psychologen des 20. Jahrhunderts, und er wurde vom Time Magazine als eine der 100 wichtigsten Personen des Jahres 2009 ausgezeichnet.

Gefühle in Zahlen

Der Psychologe Paul Ekman kann jede noch so subtile Änderung eines Gesichtsausdruckes in das sogenannte Facial Action Coding System (FACS) einteilen, welches das Gesicht in 44 „Acting Units“, also kleine Bewegungseinheiten einteilt. Fröhliche Gesichter sind immer eine Kombination aus AU 6 und AU 12:  „Dann nämlich kontrahiert der Augenmuskel Orbicularis oculi pars orbitalis, und der Muskel Zygomaticus major hebt die Mundwinkel“, so Ekman. AU 1 – 6 – 45 – 12 wäre dann Paul Ekmans Gesicht, bevor er eine Frage beantwortet: Er hebt die inneren Augenbrauen, Mundwinkel sowie die Wangen an und blinzelt – ein Ausdruck von Amüsement. Sehr feine Veränderungen äußern sich zudem in Form von sogenannten Mikroexpressionen.

Quelle: leethafilm.wordpress.com
Quelle: leethafilm.wordpress.com

Odysee in den Dschungel

Mit seinem Kollegen Wallace Friesen bereiste Ekman die nasskalten Urwälder von Papua-Neuguina, um das FACS-System, den sogenannten „Atlas der Gefühle“ aus Portraitaufnahmen von hunderten von Gesichtern zu erstellen, indem sie jeden einzelnen Gesichtsmuskel und seinen Einfluss auf die Mimik erforschten. Bei dieser Forschungsreise ging es Ekman vor allem darum zu belegen, dass sich Emotionen auf der ganzen Welt auf universell verständliche Weise im Gesicht wiederspiegeln, und ihre Ursache somit in den Genen liegt und nicht in der jeweiligen Kultur. Schon ein paar Jahre zuvor hatte er anhand von Umfragen festgestellt, dass die Ausdrücke für die sieben Basisemotionen Freude, Zorn, Angst, Überraschung, Trauer, Ekel und Verachtung von allen Befragten den gleichen Gesichtern zugeordnet wurden. Nun wollte er einen Schritt weitergehen und wissen, ob auch ein eremitisches, im tiefsten Urwald von der Welt abgeschottetes Volk zu den gleichen Schlüssen käme. „Ich bat die Eingeborenen, auf das Foto zu zeigen, das jemanden darstellt, dessen Kind gerade gestorben ist. Oder mir denjenigen zu zeigen, der ein verwestes Wildschwein sieht“, erzählt Ekman von seiner Reise. Seine Behauptungen bestätigten sich.

Atlas der Gefühle

Auf das dadurch entstandene Kompendium, den sogenannten „Atlas der Gefühle“ berufen sich außer Psychologen und Ärzten auch Schauspieler, Werbeleute und sogar Trickfilmstudios: „Pixar hat FACS benutzt, um ‚Toy Story‘ zu produzieren“, erzählt Ekman stolz. Die US-Serie “ Lie to Me „, mit Tim Roth in der Hauptrolle, basiert komplett auf Ekmans Erkenntnissen.

Quelle: www.vox.de
Quelle: www.vox.de

Auf seiner Seite wurden seine Studien in Form einer farbenfrohen Reise visualisiert – zur Inspiration dazu dienten zahlreiche Gespräche mit dem Dalai Lama über die Wissenschaft der Emotionen. Bei dieser Zusammenarbeit diskutieren die beiden über kognitive Umstrukturierung durch Meditation, die es Menschen ermöglicht, aufkeimende, negative Emotionen frühzeitig zu erkennen, bevor sie sich in Stimmungen verwandeln.

Quelle: www.huffingtonpost.com
Quelle: www.huffingtonpost.com

Mikroexpressionen bei Lügendetektoren

In früheren Studien ging es vorwiegend um sogenannte Mikroexpressionen, unbewusste, sehr subtile Veränderungen im Gesicht, die beispielsweise von Lügendetektoren benutzt werden, weil sie so gut wie gar nicht geheimgehalten werden können. Die einzigen Ausnahmen bildet die Bevölkerungsgruppe der geborenen Lügner, die nach Ekman nur 4% der Menschheit ausmacht und tatsächlich an ihre Lügen glaubt – und extrem gute Schauspieler: Sie besitzen das Vermögen, Emotionen tatsächlich zu reproduzieren. Das Mienenspiel ist nur eine Folge davon und nicht etwa einfach eine willentliche Imitation wie bei mühsam erlernter Schauspielerei. Allerdings sind auch sehr gute Mimen in dieser Hinsicht bei weitem nicht perfekt: „Mit Ingmar Bergman unterhielt ich mich vor Jahren über die schauspielerische Leistung von Liv Ullmann“, berichtet Ekman. „In einem seiner Filme sollte sie Angst darstellen, ihr Gesicht zeigte jedoch Schmerz.“

In dubio pro reo

Wir alle kennen das Phänomen der Mikroexpressionen, zum Beispiel wenn wir heikle Themen wie Politik in Diskussionen anschneiden und unser Gegenüber anderer Meinung ist. Selbst wenn die betreffende Person sich nichts anmerken lassen will, verdüstert sich das Gesicht für den Bruchteil einer Sekunde und wir merken, dass wir besser elegant das Thema wechseln sollten. Ekman wurde aufgrund seiner umfassenden Kenntnisse zu diesem Thema einmal bei einem Gerichtsfall in Schottland vorgeladen, bei dem der Ankläger der Meinung war, Verachtung im Gesicht der vermeintlichen Täters zu sehen und somit seine Schuld beweisen zu können. Ekman konnte das allerdings nicht bestätigen, da das Gefühl auch dem Ankläger in der aktuellen Situation im Gerichtssaal gelten könnte. Emotionen spiegeln sich zwar eindeutig in Form von Mikroexpressionen wieder, beweisen allerdings nicht deren Ursache. „Ist einem das nicht klar, dann begeht man den Fehler des Othello“, warnt Ekman. In der von ihm erwähnten Shakespeare-Tragödie ermordet der Held seine Gattin, weil er in ihrem erschreckten Gesicht ihre Schuld zu erkennen glaubte – allerdings hatte sie nur Angst vor ihm.  Auch wenn die Hauptmotivation seiner Forschung darin besteht, Verbrecher zu stellen, erachtet er es als genauso wichtig, „die Unschuld eines fälschlich unter Verdacht stehenden Menschen zu entlarven.“