Blutende Bässe: „Bleeds“ von Roots Manuva

Unterhaltung von Christian am 29.12.2015

 

AN!gehört: Es kommt mir vor wie gestern, dass ich mit den Kumpels im 3er-Golf durch die Kleinstadt cruise und zum ersten Mal ein ganz bestimmter Sound aus den kratzigen Boxen wummert. Es lief Roots Manuvas zweites Album „Run Come Save Me“. Die fremdartige Mischung aus Dub, Hip Hop und Elektrobeats, dazu die kraftvolle tiefe Stimme, war neu für mich. Beim treibenden „Join the Dots“ ließ sich das Kopfnicken nicht vermeiden. Akute Genickbruchgefahr. Bei „Dreamy Days“ schwebte man sonstwo, aber sicherlich weit weg von besagter Kleinstadt. Das war 2001.

RM Kopie

Fast 15 Jahre später erscheint nun „Bleeds“, das mittlerweile neunte Werk des Londoners mit jamaikanischen Wurzeln. In den letzten Jahren verlor ich seine Musik aus den Ohren, was auch Berlin und Techno und der Abstinenz des 3-er Golfs geschuldet ist. Rodney Hylton Smith, so der bürgerliche Name von Roots Manuva, war und ist jedoch eine prägende Figur des britischen Hip Hop, der erfrischenderweise oft so anders ist als der Einheitsbrei, der uns aus den USA vorgekocht wird. Ich drücke auf Play.

Das Leben ist hart, das Leben ist schön

Schon der Eröffnungstrack „Hard Bastards“ macht deutlich, dass Roots Manuva eines nicht verloren hat: Die Kunst, das harte Leben in den Randbezirken Londons in düstere Beats zu packen. Selbst im Viertel Borough of Lambeth aufgewachsen, schwingt bei dem mittlerweile 43-jährigen immer die Weisheit der Straße mit. Nicht umsonst sind seine Raps wie dumpfe Schläge, so wie man sie als Jugendlicher in Londons Süden wohl tatsächlich mal abbekommt. Disco-Hip-Hop macht der Mann also immer noch nicht. Irgendwie beruhigend.

Das Baby-Sample in „Crying“ ist nicht weniger verstörend, selbst wenn der Track mit einer Brise Jamaika angereichert ist. Auch „Facety 2:11“ kommt aus den Untiefen, ist aber deutlich bounciger, kopfnick- und fast tanzgeeignet. Licht ins Dunkel des Lebens bringt dann „Don’t Breathe Out“, das neben einem Barry-White-Sample ein immer wiederkehrendes Element in Roots Manuvas Diskographie parat hat: Streicherklänge. Hoffnung für die Welt. Das Leben ist schön.

Melancholie ist immer da

Doch keine Sorge, es bleibt melancholisch und in Moll. Das Piano von „Cargo“ untermalt Smith‘ Stimme, die kurz davor zu stehen scheint, ihr Leben auszuhauchen. „Stepping Hard“ und „Me Up!“ treiben und weiter auf dem Gedankenstrom Roots Manuvas, in dem immer wieder abstrakte Assoziationen und Wortspiele warten. Den reinen Beat von „One Thing“ würde ich vielleicht als technoiden Dorfdisco-R’n’B abstrafen, aber durch Manuvas Stimme wird auch das schön schräg.

Der emotionale Höhepunkt ist zweifellos „I Know Your Face“. Epische Streicher und Rodney Smiths Storytelling wirken wie die Schlussszene eines Films, bei dem die Kamera ewig emporsteigt und die Erde immer kleiner wird. „Fighting For?“ ist dann ein für dieses Album fast beschwinglicher Ausklang. Der positivste Song, gerade noch zur rechten Zeit. Puh.

Am Ende steht die Erkenntnis, dass sich manche Dinge nicht ändern. Weder die Widrigkeiten des Lebens, noch guter Dub-Reggae-Hip-Hop abseits des Mainstream, der diese Widrigkeiten auszudrücken vermag. Roots Manuva und „Bleeds“ funktionieren nicht nur im Golf III, sondern auch in der U-Bahn. Dort vielleicht sogar besser denn je.