Deutsche Indie Musik fernab des Mainstreams

Unterhaltung von Isabel am 10.10.2016

Dass beim Wort „Atemlos“ jeder im Raum mit panischen Blicken den nächsten Notausgang sucht, scheint symptomatisch für die deutsche Musikszene der letzten Jahre – zumindest, wenn wir nicht von deutscher Indie Musik sprechen. Schlager, Euro-Dance und DJ-Geklimper dominieren die Charts.

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(Foto: Roman Voloshyn/Shutterstock)

Und auch, wenn das nach einer ziemlich guten Mischung klingt, funktionieren die meisten der Songs über eine einfache Formel: Man nehme eine abgedroschene Textzeile (wahlweise so etwas wie „die immer lacht“ oder „atemlos durch die Nacht“) oder klaue gleich einen kompletten Songtext eines unbekannten Künstlers. Dazu kommt ein eingängiger, einfacher Elektro-Beat, den man mit einem Knopfdruck auslösen kann. Dieser wird mit einer möglichst überdimensionalen Bühnenshow addiert. Kann dann in etwa so aussehen, wie beim Song „Unter meiner Haut“ von „Gestört aber Geil“.

 

Der Songtext kommt eigentlich von Singer-/Songwriterin Elif. Das junge Ausnahmetalent aus Berlin schreibt alle Songs selbst, steht oft allein auf der Bühne und singt ihr Lied schon einmal akustisch, wahlweise auch mit Gitarre bewaffnet. Das klingt dann z.B. so.

 

Was Elif hat, vielen anderen aber fehlt, ist Authentizität, Talent, Handwerk und Charme. Und damit ihr auch ganz genau wisst, welche Talente der deutschen Indie Musik ihr fernab der klassischen Mainstream-Formel für Hits noch kennen solltet, helfen wir euch hier auf die Sprünge. Wir stellen euch Künstler vor, die sich nicht verstellen. Sie singen auf Deutsch, schreiben ihre Songs selbst und beherrschen tatsächlich das ein oder andere Instrument. Ihre Bühnenshow: ein Understatement. Ihr Bekanntheitsgrad: noch unentdeckt. Ihre Tickets: bezahlbar!


Deutsche Indie Musik: Die ruhigen Poeten

Diese Ausnahmetalente können sich voll und ganz auf ihre Stimme verlassen, schreiben Texte, die nach Poesie klingen und liefern Gänsehautmomente.

Enno Bunger

Enno Bunger ist nicht nur Singer-/Songwriter, sondern auch Pianist, Komponist und Produzent. Gemeinsam mit Nils Dietrich am Schlagzeug tourt der Ostfriese seit 2007 durch Deutschland.

 

Seine Texte: Melancholisch, unaufgeregt
Seine Musik: Eine Mischung aus Folk, Pop und Indie
Sein Instrument: Klavier
Seine Konzerte: Weit mehr als „nur“ Musik. Es wird auch mal kabarettistisch und ironisch.
Sein aktuelles Album: Flüssiges Glück (2015)
Fun Fact: Im Juni 2014 war Enno Bunger als persönlicher Barpianist der Band Limp Bizkit tätig.

Lea

Lea-Marie Becker begann schon als 16-Jährige ihre musikalische Laufbahn. Damals, 2007, lud sie eigene Indie-Pop-Songs bei YouTube hoch. Lange bevor ihr Landsmann aus Kassel, Milky Chance, die Charts eroberte. Mit Millionen Klicks im Rücken hätte das Naturtalent mit der zerbrechlichen Stimme durchstarten können, machte aber erst einmal ihr Abi zu Ende, ging ein halbes Jahr nach Argentinien und studierte Sonderpädagogik und Musik in Hannover. Jetzt ist sie bereit für die große Bühne.

 
Ihre Texte: Selbstgespräche in allen Gefühlslagen
Ihre Musik: aufrichtiger Neo-Pop
Ihr Instrument: Klavier
Ihre Konzerte: Intim, ruhig, einfach umwerfend charmant
Ihr aktuelles Album: Vakuum (2016)

Liam X

Der Singer-/Songwriter ist Wahlberliner, wuchs aber in Bielefeld auf und wurde in Kirgisistan geboren. An eine Plattenfirma kettet sich der Mitzwanziger nicht. Er gründete einfach sein eigenes Label „Lieben Alle Records“.

 

Seine Texte: keiner kann so poetisch Berliner Partynächte beschreiben („Schlaflose Nacht“)
Seine Musik: Indie, Electronica
Sein Instrument: Gitarre/Keyboard
Seine Konzerte: Musikalischer Hochgenuss zwischen Soul und Elektro leidenschaftlich performt
Sein aktuelles Album: Lass es zu EP (2016), Debüt-Album kommt Ende des Jahres

Die rappenden Sprachakrobaten

Deutsche Indie Musik kann auch Hip Hop. Zumindest können es diese Jungs. Doch darüber hinaus haben sie auch eine wunderschöne Singstimme, die vielen anderen Rappern fehlt.

VAUU

Der Berliner wuchs irgendwo zwischen Kreuzberg und Schöneberg auf. Er hat sich vor allem dem Hip Hop verschrieben, probiert es aber auch mal elektronisch, rockig und hat im Vergleich zu vielen seiner Kollegen nichts gegen echte Instrumente auf der Bühne.

 

Seine Texte: Positiv melancholisch und direkt aus dem Leben gegriffen
Seine Musik: Rap mit einem Fünkchen melodischem Gesang, Dubstep und Rock
Sein Instrument: Der geneigte Rapper braucht beide Hände zum Gestikulieren
Seine Konzerte: Bodenständig mit dem ein oder anderen Lacher, zuletzt tourte und spielte er in einem Wohnwagen
Sein aktuelles Album: Heile Welt (2016)
Fun Fact: Die zwei „U“ in seinem Spitznamen hat der Berliner einer verlorenen Wette zu verdanken.

Mister Me

Schon als Jugendlicher in der niedersächsischen Provinz verschrieb sich Mister Me dem Rap – klare Worte, schnelle Texte. Heute ist der Rapper 25 Jahre alt und einiges hat sich geändert. Eine Autoimmunerkrankung ließ ihn alle Haare verlieren. Zeit umzudenken. Und während seine Texte emotionaler wurden, entdeckte er auch seine Stimme neu.

 

Seine Texte: Persönlich, emotional
Seine Musik: Vom Rapper zum emotionalen Singer-/Songwriter
Sein Instrument: Gitarre
Seine Konzerte: energiegeladen, dynamisch und dann wieder ganz ruhig und besonnen
Sein aktuelles Album: Nackt Ep (2015)

(Foto: Instagram_mistermeamstart)
(Foto: Instagram_mistermeamstart)

Konvoy

Drei Jungs, die zusammen offenbar den Spaß ihres Lebens auf und abseits der Bühne haben – das sind Konvoy. Sie sehen aus, als wären sie als Posterboys für den pubertierenden Teenie-Markt zusammengecasted worden, sind aber weit vom klassischen Casting-Kram entfernt. Die beiden Tübinger Jan und Moritz haben sich in einem Songwriting-Camp Dummer Joe ins Boot geholt, um gemeinsam Musik zu machen. Letzterer ist nicht gerade der konsequenteste an den Drums und verlässt schon einmal sein Schlagzeug, um höchstpersönlich in der Wall of Death im Publikum zu moshen.

 

Ihre Texte: Ehrlich, jung, erzählen vom Erwachsen werden
Ihre Musik: Hip Hop mit schmissigen Refrains und dumpfen Bässen
Ihre Instrumente: Wildes Auf- und Abgespringe + Schlagzeug
Ihre Konzerte: AUSRASTEN
Ihr aktuelles Album: Alles mitnehmen (2016)

PUNK! Junge Wilde

Diese Bands wissen wie man Instrumente bedient und liefern rotzigen Sound, der jenseits des Mainstreams nur mutige Ohren betört. Ihre Texte: gewagt. Ihr Sound: Ecken und Kanten.

Milliarden

Okay, Indie Musik im eigentlichen Sinne machen die zwei Berliner Jungs von Milliarden nicht mehr, denn sie haben einen Major-Deal in der Tasche. Dennoch überzeugen sie mit kantigem und ungeschöntem Deutsch-Punk wie man ihn sich seit Jahren wünscht.

 

Ihre Texte: Voll in die Fresse, aber vor allem über Freiheit, Emotionen
Ihre Musik: Rock, Punk mit eingängigen Melodien
Ihre Instrumente: Gitarre, Keyboard + restliche Band
Ihre Konzerte: hoch ironisch, zum Exzess neigend
Ihr aktuelles Album: Betrüger (2016)

Schnipo Schranke

Würde Lena Dunham Musik machen, wäre sie wohl ein Teil von Schnipo Schranke. Schon der Name des Hamburger Mädels-Duos ist pure Ironie, ihre Wortwahl und ihre Bilder sind krass. Die Aussage dahinter, ist gesellschaftskritisch und feministisch.

 

Ihre Texte: voller Wortwitz
Ihre Musik: Pop, Chanson, NDW
Ihre Instrumente: Keyboard, Synthesizer, Schlagzeug
Ihre Konzerte: zum Austoben, Mitgrölen, voller Parolen und Anekdoten
Ihr aktuelles Album: Satt (2015)
Fun Fact: Daniela Reis und Friederike „Fritzi“ Ernst lernten sich an der Musikhochschule Frankfurt kennen, wo Reise Cello und Blockflöte studierte. Beiden blühte eine klassische Orchesterlaufbahn.

(Foto: Instagram/schniposchranke_official)
(Foto: Instagram/schniposchranke_official)

Schmutzki

Schon 2011 gründete sich die Band, bestehend aus drei Jungs, im Konstanzer Raum. Seitdem sind sie musikalisch auf Krawall gebürstet, spielten als Vorband von den Beatsteaks, WIZO sowie Die Toten Hosen und waren schon auf eigener Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz.

 

Ihre Texte: Systemkritik, Feierei und Pöbelei
Ihre Musik: Punkrock
Ihre Instrumente: der Klassiker – Gitarre, Bass, Schlagzeug
Ihre Konzerte: Punkrock pur, echte Instrumente und jede Menge Schweiß
Ihr aktuelles Album: Spackos Forever (2016)
Fun Fact: Die Band ist nach ihrem Frontmann benannt. Der heißt nämlich Beat Schmutz und als knapp vor einem Konzert ein Name für die Band hermusste, war sich Bassist Dany Horowitz sicher: Irgendwas mit Schmutz. Die Endung lieferte dann der Schimanski-Tatort am Abend.

Und natürlich haben wir auch die nicht vergessen, die aus der unbekannten Indie-Szene zu den Helden ihrer Genres aufgestiegen sind und denken dabei an Musiker wie Bosse, Kraftklub, Annenmaykantereit, Philipp Poisel, die Beatsteaks, die Ärzte, die Toten Hosen und z.B. Casper, deren Musik-Downloads ihr garantiert schon auf eurem PC habt. Doch jetzt sind die nächsten dran.