Männernamen in Songtexten – Gleichberechtigung on!

Unterhaltung von Isabel am 01.11.2016

Barry Manilow hat Mandy, Mando Diao haben Gloria, Michael Jackson besingt Billie Jean, Blondie und Santana teilen sich Maria, Amy Winehouse hat Valerie in petto, und wer kennt nicht Roxanne von The Police. Aber wo bleibt da bitte die Gleichberechtigung? Denn es gibt viel mehr Frauennamen in Songtexten als Männernamen. Warum? Da scheiden sich die Geister.

Die einen behaupten es liegt am Männerüberschuss im Musikgeschäft, also mehr gebrochene Männerherzen, die über Frauen singen. Die anderen glauben aber wohl eher daran, dass sich mit Frauennamen mehr Geld verdienen lässt – die klingen einfach schöner als Peter, Paul oder Horst.

Text auf Papier
(Foto: Mission Mike/Shutterstock)

Wir finden: auch Männernamen haben in Songtexten ihre Berechtigung –  und haben euch mal den ein oder anderen Song rausgesucht, in dem ein Mann die textliche Hauptrolle spielt. Wer hinter Stan, Guy, Fernando, Isaac oder Alejandro aber eine Liebeserklärung von Frauen an ihre Angebeteten erwartet, liegt falsch. Die Wege der Songtexter sind unergründlich, manchmal sehr tiefsinnig, manchmal traurig und von Zeit zu Zeit auch nur pragmatisch. Wir verraten euch was dahinter steckt.

Männernamen in Songtexten: Eminems fanatischer Fan „Stan“

Mit „Stan“ schaffte Rapper Eminem 2000 seinen großen Durchbruch! Das lag zum einen an dem eingängigen Refrain, ein Sample von Didos „Thank you“, zum anderen aber auch an der krassen Geschichte, die Eminem in dem Song erzählt.

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„Stan“ erzählt die Geschichte eines Fans, der Eminem einen Brief schreibt und keine Antwort erhält. Alltag für Fans von berühmten Persönlichkeiten und an sich noch keine besonders aufregende Geschichte. Doch Eminem spinnt die Geschichte weiter, indem er als „Stan“ einen Brief vorrappt. Darin erkundigt sich Stan nach dem Wohlergehen von Eminems Familie, erzählt selbst von seiner schwangeren Freundin und einem Freund, der sich das Leben nahm. Dann outet er sich als Eminems größter Fan und bittet um eine Antwort auf den Brief. In Strophe zwei ist Stan verärgert, dass er keine Antwort vom Rapper bekommen hat. Er habe ein Tattoo mit Eminems Namen und zeigt Parallelen zwischen ihren beiden Leben auf (Vater abgehauen, selbst zugefügte Schnittverletzungen). Außerdem erwähnt Stan, dass er und Eminem zusammen sein sollten. Dann entschließt sich Stan dazu, Selbstmord zu begehen, weil er immer noch keine Antwort von seinem Idol bekommen hat.

In der vierten Strophe tritt Eminem als er selbst auf und antwortet Stan in einem Brief. Er rät ihm, sich psychologische Hilfe zu suchen und entschuldigt sich dafür, nicht eher geantwortet zu haben. Eine Nachrichtenmeldung bestätigt dann aber schon den Selbstmord von Stan.

Mal davon abgesehen, dass Eminem als Rapper dafür bekannt ist, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, liefert „Stan“, anders als viele weibliche Vornamen in Liedern, eine düstere Grundstimmung und wenig Positives – ein Leid, das viele Männernamen in Songtexten genreübergreifend hinnehmen müssen.

Elton Johns Botenjunge „Guy“

Es könnte eine Liebesklärung an einen gewissen „Guy“ sein, die Elton John in seinem Instrumentalstück „Song for Guy“ liefert. Es könnte eine Ode an seinen Hamster sein oder eine Erinnerung an seinen Kindergärtner. Tatsächlich verraten aber nur die Namensnennungen auf dem Album, „A Single Man“, auf dem das Klavierstück 1978 erschien, worum genau es geht.

 

Das sechsminütige Stück ist einem gewissen Guy Burchett gewidmet. Der 17-jährige Junge arbeitete bei Elton Johns Plattenlabel „Rocket“ als Kurierdienst. Er starb bei einem Motorradunfall.

Den Song schrieb Elton John in einem ungewöhnlichen Inspirations-Schub in der Nacht vor dem tödlichen Unfall, so heißt es. Als der Musiker am nächsten Tag von der schockierenden Nachricht über den Tod des Jungen erfuhr, benannte er den Song nach ihm. Die einzige Textzeile in dem Song heißt „Life isn’t everything“ und wurde wahrscheinlich von Elton John im Nachhinein eingefügt.

Madonnas Rabbi „Isaac“

Und kaum macht Madonna einen Song über einen Mann, wird gleich wieder ein waschechter Skandal draus. Auf „Confessions on a Dance Floor“ aus dem Jahr 2005 findet man ihren Song „Isaac“, der ziemlich pragmatisch einfach nach dem Mann benannt ist, den man singen hört.

Madonna im KonzertEs wäre aber nicht Madonna, hätte sie nicht auch für diese eigentlich nicht angreifbare Geste einen auf den Deckel bekommen. So vermuteten religiöse jüdische Führer, dass Madonna über den Rabbi und Begründer der neuzeitlichen Kabbala Isaac Luria sang und aus seinem Namen Profit schlagen wollte. Die Rabbis Rafael Cohen und Israel Deri forderten gegenüber der israelischen Zeitung „Maariv“ sogar, dass das Vorzeige-Mitglied der Kabbala-Gemeinschaft wegen dieses „inakzeptablen“ Verhaltens aus der Community geworfen werde. Madonna beteuerte hingegen, dass sie nichts über den Rabbi Isaac Luria wisse und deshalb auch nicht über ihn singen könne.

Bei all den religiösen Anspielungen mit denen Madonna jedoch textlich, optisch und darstellerisch um sich wirft, wundert sich allerdings wohl keiner mehr, dass die Popikone gern mal ins Kreuzfeuer Religiöser gerät.

Abbas mexikanischer Guerilla-Kämpfer „Fernando“

Ihr wollt jetzt doch endlich mal einen klassischen „Frau besingt geliebten Mann“-Lovesong oder wenigstens „Frau schließt mit Ex-Freund“-Geschichte ab? Wir kommen der Sache näher, aber dann doch irgendwie nicht. Den Songtext mit dem gut klingenden Männernamen „Fernando“ sang eigentlich Abba-Mitglied Anni-Frid Lyngstad auf ihrem 1975 erschienen Nummer 1-Soloalbum – auf Schwedisch. Und auch, wenn in dieser Version die Rollen etwas vertauscht sind, geht es um die Liebe. Es ist aber Fernando, der seine große Liebe verloren hat und Trost braucht. Außerdem hat nicht die schöne Schwedin den Song geschrieben, sondern ziemlich unromantisch ihr Manager Stig Anderson.

 

Sein Titel und Text war es dann auch, der dem Abba-Song „Fernando“ letztendlich zum Vorbild diente, als die zwei männlichen Bandmitglieder, Benny Andersson und Bjorn Ulvaeus, den Text neu interpretierten und umschrieben – nicht gerade ihr Lieblingswerk. Gegenüber den zwei Autoren Jon Kutner und Spencer Leigh soll Ulvaeus sogar gesagt haben: „Der Text ist so banal. Ich mochte ihn nicht. Es war ein Liebessong. Ich übernahm das Wort ‚Fernando‘, überlegte mir aber lange ‚Was will mir Fernando sagen?‘“ Und dann machte er aus einem banalen Liebessong eine Geschichte über zwei alte Guerilla-Kämpfer in Mexiko, die auf der Veranda sitzen und sich gemeinsam an das Geschehene erinnern – auch irgendwie romantisch auf seine Art und Weise.

Lady Gagas wirre Männerwelt in „Alejandro“

Lady Gaga besingt in ihrem Song offensichtlich Alejandro, aber im Refrain später dann auch noch Fernando und Roberto. Was sie uns damit sagen will? In erster Linie nichts wirklich Romantisches. Guckt euch das kontroverse Musikvideo des Popstars an! Dennoch geht es irgendwie darum, mit den Ex-Freunden abzuschließen. Das zumindest sagte sie mal über den Song. Dann soll es aber auch um Frauen gehen, die es auf das Geld von Männern abgesehen haben. Wiederum andere sehen in dem Song eine versteckte Bindungsangst des Popstars. Dabei sollen die drei genannten Namen Anspielungen auf Freunde und männliche Wegbereiter sein. Alejandro steht für den Designer Alexander McQueen, der sich zwei Monate vor Erscheinen des Songs das Leben nahm. Fernando Garibay, dessen Vornamen sie auch benutzt, arbeitete mit ihr gemeinsam u.a. an „Dance in the Dark“ als Produzent. Robert Fusari arbeitet mit ihr an „Paparazzi“ und weiteren Tracks.

 

Wieder keine richtige Lovestory oder unerfüllte Liebe. Irgendwie werden wir den Gedanken nicht los, dass die klassische Liebeserklärung à la Barry Manilows „Mandy“ (wobei auch hier immer noch nicht klar ist, ob er wirklich eine Frau oder einen Hund meint) nur in eine Richtung funktioniert. Eine vollständige Liste aller Songtexte mit weiblichen oder männlichen Namen im Songtext wird es wohl nie geben, dennoch herrscht Konsens. Die Frauen der Schöpfung werden viel häufiger besungen als die Männer. Über Frauen lassen sich wohl doch einfach die schönsten Geschichten erzählen.