Nazis bei Amazon

Unterhaltung von Christian am 27.11.2015

AN!griff rechtsextremer Werbung in New York? Von einem Plakat grüßt die Freiheitsstatue mit ausgestrecktem rechtem Arm. Ein Wagon der New Yorker Subway ist mit faschistischer Propaganda beklebt. Doch keine Sorge: Weder hat die Alien-Sekte Hitler geklont, noch haben US-Neonazis Streetart für sich entdeckt. Hinter dem provokanten, viel kritisierten und mittlerweile wieder entfernten Nazi-Design steckt niemand anderes als Amazon. Statt Propaganda handelt es sich also um Werbung, statt um Herrenrassen-Ideologie geht es um den Hinweis auf Amazons neueste serielle Eigenproduktion: „The Man in the High Castle“.

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Längst haben die konkurrierenden Streaming-Giganten Amazon und Netflix die hauseigenen Serien für sich entdeckt. Derzeit ist Netflix nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ einen Schritt voraus. Seit 2012 hat Netflix 33 eigene Serien ausgestrahlt (Stand: November 2015), Amazon mit zwölf Serien nur gut ein Drittel davon. Netflix hat die Kult-Comedy „Arrested Development“ wiederbelebt, zeigt Pablo Escobars Drogenkrieg in „Narcos“ und schickt mit „Daredevil“ den ersten von vier Marvel Superhelden ins Rennen. Amazon hält mit „Transparent“, „Bosch“ oder „Hand of God“ dagegen. Doch an „House of Cards“, die immer noch beste Netflix-Serie, kam bislang nichts heran. Amazon Prime legt also einen Zahn zu und nimmt sich eines Themas an, das gerade in den USA immer funktioniert: Nazis.

Quelle: Amazon Studios

Ein Film, sie zu stürzen

Geschichte modifiziert: Der Zweite Weltkrieg endete 1947 – und die Achsenmächte Deutschland und Japan haben ihn gewonnen. Nun schreiben wir das Jahr 1962. Der Osten der USA heißt Greater Nazi Reich, der Westen Japanese Pacific State. Die Pufferzone dazwischen ist der Rocky Mountain State. Am Times Square leuchtet keine Coca-Cola-Werbung, sondern das Hakenkreuz. Der braune Mob beherrscht das Stadtbild. Dies ist die Ausgangslage zur Serie „The Man in the High Castle“, die auf Philip K. Dicks dystopischem Roman „Das Orakel vom Berge“ basiert.

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Im Zentrum der Geschichte stehen Juliana Crain und ihr Freund Frank, die im japanisch besetzten San Francisco leben. Von ihrer Schwester Trudy, die Teil des Widerstands ist, bekommt Juliana einen ominösen Film zugesteckt. Der brisante Film entpuppt sich als Gefahr für die Naziherrschaft, verkörpert von SS-Obergruppenführer Jon Smith. Trudy wird ermordet – und Juliana führt den Kampf ihrer Schwester gegen das Regime fort.

Absurd, düster, hart – und vielversprechend

Die ersten Bilder der Serie machen schnell klar, dass Amazon an der Budgetschraube gedreht hat. Das Produktionsdesign ist beeindruckend. Die 60er Jahre, in der echten Geschichtsschreibung die bunte Dekade freier Liebe und neuer Werte, sind jetzt düster und totalitär. Nazisymbolik ist allgegenwärtig, von den handgefertigten Kostümen bis zu den computergenerierten Bilddetails. Bei Hitlers Visage auf Dollarscheinen muss man vielleicht noch schmunzeln. Bei alltäglichen Vergasungen nicht mehr. „The Man in the High Castle“ ist harter Tobak. Die Mischung aus tatsächlich passiertem Schrecken und Was-wäre-wenn-Fiktion ist verstörend und polarisiert. Auch deshalb hat „TMITHC“ das Potential, Amazons bislang beste Eigenproduktion zu werden.

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„The Man in the High Castle“ ist eine vielversprechende Mischung aus „1984“, „Fahrenheit 451″ und „Sophie Scholl – Die letzen Tage“, gepaart mit Action und dem Hollywood-typischen visuellen Glanz. An den Leuten hinter der Kamera sollte es jedenfalls nicht scheitern: Das Drehbuch stammt von Frank Spotnitz („Akte X“), als ausführender Produzent fungiert kein Geringerer als Ridley Scott („Alien“, „Blade Runner“). Seit dem 20. November ist die erste Staffel im Originalton bei Amazon Prime zu sehen. Die deutsche Synchronfassung startet am 18. Dezember.