BVG liebt mich? Is mir (nicht) egal

Familie & Freizeit von Christian am 15.12.2015

AN!klang: „Is mir egaaal…“ Die Hookline sitzt in meinem Kopf, das Video läuft auf Hot Rotation. Und nicht nur bei mir: Fast 1,5 Millionen Menschen haben sich in den letzten fünf Tagen Kazim Akboga als singenden BVG-Fahrkartenkontrolleur reingezogen. Ein Freund von mir hat es auf Facebook geteilt. So weit, so alltäglich. Doch Moment! BVG? Die BVG, das humorloseste deutsche Unternehmen seit Krupp? Sind die jetzt cool, witzig und viral? Wie konnte das passieren? Eine Rückschau. Doch zuerst das Video. Is mir egal, ob dieser Text sinnvoll strukturiert ist.

(Quelle: Weil wir dich lieben)

Berlin und die BVG

Das Verhältnis der Berliner zu ihrer BVG ist, sagen wir mal, zwiegespalten. Dabei machen die Berliner Verkehrsbetriebe (ehemals Berliner Verkehrs-Aktien-Gesellschaft, daher das „G“) gar nicht so viel verkehrt. Generell sind wir von unseren Nahverkehrssystemen ziemlich verwöhnt, was einem immer dann auffällt, wenn man in… fast jedem anderen Land der Erde ist. In unserer Hauptstadt kommt man mit S-Bahn, U-Bahn, Tram, Bus und Fähre (hat die schon mal jemand benutzt?) in jeden Winkel Berlins. Doch es gibt auch Unschönes: Verspätungen, unfreundliche BVG-Schalter-Buddhas, Busse wie Ölsardinenbüchsen, der Geruch aller bekannten Körperflüssigkeiten in der U8, Schienenersatzverkehr (der Coitus interruptus des Öffentlichen Nahverkehrs), Schwarzfahr-Bußgeld, das mal eben von 40 auf 60 Euro angehoben und von Kontrolleuren durchgesetzt wird, die selbst aussehen, als hätten sie noch nie ein Ticket gekauft. Das Image der BVG war schon besser. Was tut man also? Eine neue Werbekampagne in Auftrag geben.

Weil wir dich lieben

Liebe überall

„Weil wir dich lieben.“ Wow. Der aktuelle BVG-Slogan weckt erstmal ganz andere Assoziationen bei mir: Schwarz-Gelb? Liebe? Drei Buchstaben, von denen zwei „B“ und „V“ sind? Da war doch was. Inwieweit sich die verantwortliche Werbeagentur „Grüner und Deutscher“ in Dortmund bedient hat, sei dahingestellt. Klar ist: Es wird die ganz große Emotionskeule geschwungen. Liebe! Gibt’s was Größeres? McDonald’s hatte vor Jahren ganz unbescheiden damit angefangen („Ich liebe es“), viele weitere Unternehmen sind auf den Love Train aufgesprungen. Wir müssen schon aufpassen, dass wir das Wort Liebe nicht zu inflationär benutzen und irgendwann nicht mehr zwischen Freundin, einem qualitativ fragwürdigen Burger und einer Straßenbahn unterscheiden können. Is mir aber erstmal egal.

Ich lasse den Slogan wirken – und bemerke, dass ich fast ein schlechtes Gewissen bekomme: Wenn die BVG mich liebt, ich sie aber nicht, tut mir die BVG leid. Ich überdenke meine Gefühle zu S- und U-Bahnen. Ich gestehe mir ein, dass ich oft egoistisch und unfair war in dieser Beziehung. Ich mag sie ja irgendwie, die BVG. Wenn mir die BVG einen Liebesbrief schreiben würde und ich anhand der berühmten Ankreuz-Optionen „Ja“, „Nein“ und „Vielleicht“ entscheiden müsste, ob ich mir ihr gehen will, würde ich jetzt wahrscheinlich „Vielleicht“ ankreuzen. Ja, die BVG hat mich berührt. Hat mich emotional manipuliert, obwohl ich es durchschaut habe. Diese Werbetexter sind einfach brillant.

BVG Plakate

Wie cool ist die BVG denn nun?

Die Weil-wir-dich-lieben-Kampagne ist gar nicht schlecht. Für die Cannes-Rolle reicht es wahrscheinlich nicht, und die teils genialen Slogans der Berliner Stadtreinigung BSR („We kehr for you“, „Lola trennt“) sind auch etwas lustiger. Aber die „Lui Wittong“-Plakate der BVG ringen einem schon ein Schmunzeln ab. Mit einem nicht ganz nüchternen Mann, der in der U-Bahn schläft, kann ich mich auch identifizieren. Und auf Twitter wird ganz offensiv mit dem BVB-Vergleich umgegangen und sogar mit einem Abstieg der Ruhrpott-Kicker kokettiert – 1:0 für die BVG. Kazim Akbogas Auftritt allerdings ist eine neue Qualität. Der Song wird von den Schulhöfen Weddings bis in die Coworking Spaces Neuköllns gesungen, ist kurzweilig und steckt voller witziger Reime. Am Ende zeigt die BVG vor allem, dass sie ihre eigene Kampagne nicht allzu ernst nimmt: „Wir euch lieben – is euch egal.“ Diesen Mut zur Selbstironie besitzen wenige Menschen und noch weniger Firmen. Und das ist ziemlich cool.