Früher war alles besser! Fünf Argumente dagegen…oder doch dafür!?

Familie & Freizeit von Fabian am 30.09.2016

Den Spruch kennen wir nun wirklich alle: „Früher war alles besser!“ Eltern, Lehrer und ältere Leute hört man immer wieder von der guten alten Zeit schwärmen. Die Gesichter verklären sich und die Augen werden feucht. Früher, ja da hielten alle noch zusammen, man konnte bedenkenlos aus Bächen trinken, und das Geld war noch etwas wert. Früher war wirklich alles besser, und das wissen diese Menschen deshalb so genau, weil sie selbst dabei waren. Und aus diesem Grund schildern sie uns – oft ungefragt – ihre Erlebnisse.

Oma und Kaffeetisch

Lebensweisheiten begegnen einem ja immer wieder. Althergebrachte Überlieferungen und Erfahrungen, auf die sich diese sogenannten Autoritätspersonen gerne berufen, um uns armen Nachgeborenen die Welt zu erklären. Angesichts eines Jahrhunderts voll von Kriegen, Völkermorden, Wirtschaftskrisen und unheilbaren Krankheiten, fragt man sich allerdings, ob die Vergangenheit tatsächlich so unglaublich toll gewesen ist. Es ist also mal wieder an der Zeit, einem weitverbreiteten Mythos auf den Grund zu gehen.

#1 Beziehungen

Der offensichtlichste gesamtgesellschaftliche Beleg dafür, dass früher alles besser war, ist angeblich die stetig sinkende Zahl von Eheschließungen in Deutschland. Moral und Sitte verlottern demnach, und die Ehe ist nach Meinung vieler Menschen nicht mehr zeitgemäß.

Die Statistiken bestätigen diese Annahme. Waren es 1950 noch 750.000 Eheschließungen, so lag diese Zahl 2015 nur noch bei knapp über 400.000. Die Ehe ist tatsächlich nicht mehr zeitgemäß, was sicherlich mit der Vielzahl neuer Lebensmodelle, der Emanzipation der Frauen und der sogenannten sexuellen Befreiung zu tun hat. Allerdings scheint das Model Ehe allen Unkenrufen zum Trotz noch nicht völlig auszusterben. Die Zahl der Neuehen lag vor zehn Jahren noch niedriger und inzwischen steigt sie sogar wieder ein wenig.

eine hochzeit

#2 Bildung

Oft hört man von Eltern und Lehrern, dass man früher ja viel mehr in der Schule gelernt habe. Da herrschte noch Disziplin und Ordnung, und die Schüler wollten wirklich etwas lernen. Heutzutage sei einfach alles schlechter: Die Lerninhalte anspruchslos, die Lehrer beschuldigen die Eltern, ihre Kinder nicht gut in schulischen Dingen zu betreuen, und die Eltern wiederum stellen die Qualität der Lehrer in Frage. Doch ist das wirklich so? Ein Blick auf die Abiturientenzahlen soll mehr verraten.

Das Ergebnis ist zwiespältig. De facto sind die Abiturientenzahlen seit 1950 zwar beträchtlich gestiegen – nämlich von fünf auf über 40 Prozent – gleichzeitig ist aber die Qualität der Schulausbildung gesunken. Zwar gab es noch nie so viele Abiturienten mit der Bestnote 1,0 – doch das liegt nicht etwa an immer klüger werdenden Schülern, sondern laut einer Untersuchung des Instituts für Wirtschaft in Köln daran, dass die Schule und auch das Abitur immer leichter werden. Dadurch steigt die Zahl der Abiturienten und auch die der mit Bestnoten abschließenden Absolventen.

#3 Ernährung

„Früher war alles besser“ – das gilt natürlich insbesondere für unsere Ernährung und die Lebensmittel, die wir zu uns nehmen. Früher hatten die Menschen noch eigene Gärten, oder kauften ihre Waren direkt beim Bauern, Müller oder Fleischer. Heute rennen alle in die Discounter und kaufen abgepackte Fertigware. Die Qualität unseres Essens muss demnach schlechter sein und sich negativ auf unsere Lebenserwartung auswirken.

Bio, Konservierungsmittel, Geschmacksverstärker, Gluten, frisch, laktosefrei – all diese Begriffe begegnen uns heutzutage beim Lebensmitteleinkauf. Man weiß eigentlich gar nicht mehr, was wirklich richtig beziehungsweise gesund ist. Klar ist, dass wir viel weniger frische Sachen essen als früher. Und tendenziell nehmen wir auch zu viel Zucker und Fett zu uns. Die Menschen bewegen sich nicht mehr so viel wie früher und neigen zur Fettleibigkeit. Das alles sind Faktoren, die natürlich nicht gesundheitsfördernd sind.

Trotzdem werden wir immer älter. Das hat mit einem verbesserten Gesundheitssystem zu tun, damit, dass wir weniger körperlich anstrengende Arbeit verrichten müssen als frühere Generationen. Und mit qualitativ besseren Lebensmitteln. Ein Drittel der heutigen Obstsorten kannte unsere Großmutter überhaupt nicht und von vielen modernen Methoden der Aufbewahrung von Lebensmitteln konnte sie nur träumen. Bei aller berechtigter Kritik waren unsere Lebensmittel noch nie so gut wie heutzutage, und tragen zu einer verlängerten Lebensdauer bei.

Supermarkt

#4 Wohnraum

Früher gab es noch genug Wohnraum für Jedermann – auch so eine „Früher war alles besser-Behauptung“. Die heutigen Diskussionen um Wuchermieten, zu wenig sozialen Wohnungsbau, Gentrifizierung und Spekulanten kennen wir alle. Doch ist das ein neuartiges Phänomen?

Tatsache ist, in Deutschland gibt es nicht genug Wohnraum für alle. Gerade im Bereich des sozialen Wohnungsbaus fehlen nach Expertenmeinungen zwischen drei und vier Millionen Wohnungen. Durch die aktuelle Flüchtlingsproblematik wird die Situation noch erschwert. Richtig ist auch, dass die Mieten unverschämt steigen. Gerade in den Ballungszentren der Großstädte ist Wohnraum kaum mehr zu bezahlen oder auch nur zu bekommen.

In Städten wie München und Hamburg sind Wohnungen einfach nicht vorhanden oder nicht bezahlbar. Dafür steht in Bochum und Chemnitz vieles leer und kostet quasi nichts – nur will dort niemand hin. Es ist also auch eine Frage von Verteilung und Prioritäten. Generell schreiten die Urbanisierung und der Ausverkauf des vorhandenen Wohnraums voran und diesbezüglich ist auch keine Verbesserung in Sicht.

Dabei ist Wohnungsnot in Deutschland nichts Neues. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung herrschte Mangel an Wohnraum. In den Metropolen wurden teilweise einzelne Betten doppelt und dreifach vermietet, um der Nachfrage gerecht zu werden. Nach dem Ersten Weltkrieg war die Situation so schlimm, dass der staatliche Wohnungsbau kapitulierte und private Genossenschaften versuchten, durch innovative Wohnungsbaupläne der Lage Herr zu werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten 500.000 neue Wohnung gebaut werden, um den Ansprüchen zu genügen.

Man kann also festhalten, ja, es herrscht akute Wohnungsnot in Deutschland, die hat es aber immer mal wieder gegeben und sie ist mitnichten ein neues Phänomen. Grundsätzlich ist es nicht so, dass kein Platz für neue Wohnungen da wäre, sie müssen halt gebaut beziehungsweise entsprechende staatliche und soziale Initiativen gestartet und umgesetzt werden. Und natürlich könnte auch der Gesetzgeber – Stichwort Mietpreisbreme – aktiver Einfluss nehmen.

ein Haus im Bau

#5 Lebensqualität

Wir kommen zum fünften und letzten Punkt unserer „Früher war alles besser-Analyse“. Aus den bisherigen Punkten Beziehungen, Ernährung, Bildung und Wohnraum lässt sich die grundsätzliche Frage ableiten, ob die Lebensqualität allgemein früher besser war als heute.

Früher war alles besser – diese Aussage ist bezogen auf die Lebensqualität einfach falsch. Es gibt spezielle Parameter, an denen die Lebensqualität statistisch gemessen wird, und die sagen aus, dass es uns noch nie so gut ging wie heutzutage. Die Menschen werden älter als jemals zuvor, die Kindersterblichkeit sinkt rapide, dasselbe gilt für die Analphabetenquote. Weltweit ist die Demokratie als Staatsform auf dem Vormarsch und löst immer mehr autoritäre Systeme ab.

Die weltweite Armut ist in den letzten 50 Jahren stärker zurückgegangen als in den 500 Jahre davor. Die Zahl der Kriege und Kriegsopfer befindet sich – trotz Irak und Afghanistan – auf einem Niedrigrekordniveau. Noch nie war die Welt so friedlich. Natürlich gibt es nach wie vor Krieg, Elend und Hunger auf unserer Welt, aber eine perfekte Welt wird Utopie bleiben, und in Relation gesehen, ist die Lebensqualität drastisch gestiegen.

Müssen wir der Vergangenheit also wirklich nachtrauern? Nein, der verklärte Blick auf das was einmal war, ist in erster Linie eben ein verklärter. Der Schauspieler Peter Ustinov sagte einmal: „Jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in 10 Jahren zurücksehnen“. Jedes Jahrzehnt hatte sein Worst Case Szenario und entgegen aller Schwarzmalerei haben wir es irgendwie überlebt. Atomstaat, Petting statt Pershing, der Wald stirbt, Rinderwahnsinn und Genmais – irgendeine angebliche Bedrohung bestand immer. Fakt ist, zu jeder Zeit war früher alles besser. Von der deutschen Komikerlegende Karl Valentin stammt der schöne Ausspruch: „Früher war sogar die Zukunft besser“. Also können wir festhalten, früher war gar nicht alles besser, es war wahrscheinlich nur anders.