Schwaben über Berlin

News von Fabian am 25.01.2016

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vor Flüchtlingen hat in Berlin eigentlich niemand. Während ganz Deutschland und die halbe Welt sich fragen, „Wie schaffen wir das?“, und ängstlich in die Zukunft blicken, ist der Berliner tiefenentspannt – läuft schon. Wenn Deutschland auch kein Einwanderungsland ist, so ist Berlin auf jeden Fall eine Einwanderungsstadt. Die Bewohner der selbsternannten Multikultihauptstadt haben keine Berührungsängste mit Andersaussehenden, Andersdenkenden und Andershandelnden. Berlin ist bunt, fortschrittlich und verrückt. Kurzum, hier biste Mensch – hier kannste sein! Die Stadt war und ist eine Anlaufstelle für Menschen aus aller Herren Länder, für die durchgeknalltesten Freaks, die skurrilsten Lebenskünstler, denen, die sich selbst suchen oder vor sich selbst davon laufen. Berliner oder Türke, Banker oder Punk, völlig irre oder sterbenslangweilig, die Spreemetropole heißt alle gleichermaßen willkommen. Fast alle, mit einer kleinen Einschränkung: SCHWABEN!

Buntes Berlin

Man möchte es kaum glauben, aber der hochgelobten Toleranz der Berliner ist tatsächlich eine Grenze gesetzt. Ausländer, Obdachlose, Homosexuelle, selbst Niedersachsen – sie alle sind in Berlin willkommen, aber wenn es sich um Schwaben handelt, vergeht den Berlinern das Lachen, und vorbei ist es mit der Großzügigkeit. Ablehnung und Ausgrenzung waren den Preußen über Jahrhunderte ein Fremdwort. Als vor 300 Jahren zehntausende Hugenotten aus Frankreich fliehen mussten, hieß Kurfürst Friedrich Wilhelm sie in seiner Stadt freundlich willkommen. Später folgten Juden, protestantische Böhmen und schließlich Polen und Russen. Immer war Berlin Zuflucht und Chance zugleich für Menschen aller Couleur, und dank dieser Vielfalt entwickelte sich die Stadt überhaupt erst zur Kulturmetropole. Die sogenannten Minderheiten prägten ganze Stadtteile. Das Scheunenviertel zwischen Hackescher Markt und Rosa-Luxemburg-Platz war als Judenviertel bekannt, und Charlottengrad, wie Charlottenburg im Volksmund genannt wurde, beherbergte wenig überraschend einen großen Anteil russischer Einwanderer. All das machte den Berlinern keine Angst, denn sie waren neugierig und offen, was andere Kulturen anging. Wenn sie aber heute das Wort SCHWABYLON hören, läuft es ihnen kalt den Rücken hinunter.

Prenzlauer Berg

Schwabylon, damit ist der Prenzlauer Berg gemeint, der Berliner Stadtteil mit besonders hoher Schwabendichte. Mordor – die Brutstätte des Bösen! Für die übrigen Berliner ein Ghetto, das man möglichst großräumig umfährt. Woher kommt die krasse Abneigung gegen eine Minderheit, bei der es sich ja strenggenommen um Deutsche handelt? Ganz einfach, weil Schwaben Spießer sind! Die Mentalität dieses komischen Völkchens passt nicht nach Berlin. Berlin ist cool und locker, man lässt den anderen, wie er ist, trinkt morgens um 10 Uhr auch mal´n Sterni und freut sich des Lebens. Man kümmert sich hier nicht um den Vorgarten des Nachbarn, ja nicht einmal um den Nachbarn selbst. Auch nicht darum was er arbeitet, ob er überhaupt arbeitet, und schon gar nicht, ob er den Hausflur geputzt hat. Mal fünfe gerade sein lassen. Der gemeine Schwabe ist genau das Gegenteil. Dass was Berliner Lebensstil und Kultur ausmacht, ist für den Schwaben Anarchie und Faulheit. „Schaffe, schaffe, Häusle baue“, Kehrwoche machen, und den Gegenüber am liebsten anzeigen, wenn er auf den Gehweg spuckt – das ist die schwäbische Welt. Der Schwabe ist ein Pedant, bei dem Zucht und Ordnung herrscht, und dementsprechend wirkt er auf seine Umwelt ein. Die Folgen der Schwabisierung sind tragisch. Nicht-Schwaben ergreifen die Flucht, Macchiato-Mütter mit Kinderwagen und Bionade-Boys bestimmen das alltägliche Bild, die Mietpreise steigen und schwäbische Produkte überfluten den heimischen Markt. Der Prenzlauer Berg gilt mittlerweile als Schurkenstaat, die Bewohner als Speerspitze der Gentrifizierung.

Mütter mit Kinderwagen/Prenzlauer Berg

Doch langsam regt sich Widerstand gegen die besserverdienenden Schwaben, die den Kiez zur Reihenhaussiedlung umformen. Das alternative Berlin wehrt sich gegen die leistungs- und wohlstandsorientierten Süddeutschen: „Schwaben töten“ und „Wir sind ein Volk, ihr seid an anderes“ ist auf Häuserwänden im Prenzlauer Berg zu lesen. Der Slogan „Kauft nicht beim Schwaben“ ist zugegebenermaßen etwas grenzwertig. Bisheriger Höhepunkt der Auseinandersetzung war die sogenannte Spätzle-Attacke auf das Käthe-Kollwitz-Denkmal. Momentan hat sich die Situation wieder etwas beruhigt. So lange es sich nur um Schmierereien und leichte Sachbeschädigung handelt, ist dieser Kleinkrieg ja ganz amüsant, aber natürlich darf die Sache nicht eskalieren. Sicher, die Schwaben sind ein seltsames Völkchen, und nicht jeder kommt mit ihrer Mentalität klar, aber letztendlich sind sie nur eine von vielen Minderheiten, und als Hauptstadt der Toleranz, die alle Flüchtlinge und Einwanderer dieser Welt freudig begrüßt, jedes Jahr den Karneval der Kulturen tanzt, und ständig multi-kulti propagiert, sollte Berlin auch mit ihnen auskommen. Beide Parteien müssen aufeinander zugehen; Integration und Toleranz sind beiderseitig gefragt. Wenn die Schwaben aufhören in ihrer seltsamen Sprache Weckle statt Schrippen zu bestellen, besinnt sich sicherlich auch der Berliner wieder seiner angeborenen Freundlichkeit und Weltoffenheit.