Vorsicht, gefährlich – Pokémon Go App!

Unterhaltung von Fabian am 22.07.2016

AN! einen derartigen Erfolg hat Game-Entwickler John Hanke wahrscheinlich selbst nicht geglaubt. Die Pokémon Go App schlägt alle Rekorde. Downloadzahlen und Aktienkurse schießen in die Höhe. Die App ist der heißeste Shit der letzten Tage. Überall auf der Welt dieselben Bilder, Millionen von Menschen drehen völlig durch. Pokémon Go-Spieler aller Größen, Farben, Alter und Geschlechter stürzen wie Zombies auf Amphetaminen durch die Gegend, den Blick stur auf ihr Smartphone gesenkt, und versuchen kleine Pocket Monster zu fangen.

die Pokémon go App

Dabei gerät das gesamte Umfeld außerhalb des Touchscreens in Vergessenheit. Schüler verpassen den Schulbus, Männer rennen gegen Laternenpfähle, und die Damen ziehen nicht mehr den Lidschatten nach, stattdessen jagen alle Pokémons. Ganze Berufszweige sind schon lahmgelegt, weil keiner mehr arbeitsfähig ist. Der totale Wahnsinn. Ausnahmezustand. Das Ganze hat apokalyptische Ausmaße und die Bilder und Szenen, die uns täglich von den Medien frei Haus geliefert werden, erinnern an Kriegsberichtserstattungen oder The Walking Dead.

  • Verlassene Autos am Straßenrand, während sich die Autobesitzer in Parks und Sportanlagen durch Büsche, Teiche und Blumenbeete wühlen.
  • Einkaufszentren bevölkert von offensichtlich an Schwachsinn und Orientierungslosigkeit erkrankten Jugendlichen, die von einer Ecke in die andere laufen.
  • Erwachsene Menschen, die plötzlich auf Verkehrsinseln und Zebrastreifen stehen bleiben, richten ihre Handys wie eine Waffe auf vorbeilaufende Hunde, kriegen plötzlich Schweißausbrüche – wie die verängstigten Hundebesitzer übrigens auch – und starren wie weggetreten auf ihre Smartphones.

Glücklicherweise löst sich diese Anspannung irgendwann wieder, und ein sichtbares Gefühl der Erleichterung und Befriedigung erfasst die Spieler. Ein feistes Lächeln auf ihren Lippen verrät dem erstaunten Beobachter, dass diesen gespenstrigen Gestalten mit ihren Handys gerade etwas ganz Großes gelungen sein muss. Dabei streicheln sie immer wieder total verliebt und wie in Trance über ihren Bildschirm, als wäre er der heilige Gral. Äußerst verwirrend das Ganze, und man fragt sich, was ist das Besondere an der Pokémon Go App?

Pokémon Go App hat Street Credibility

Eigentlich sind Pokémon-Spiele ein alter Hut. Die Älteren werden sich erinnern, das haben wir schon Mitte der 1990er Jahre auf dem Gameboy gezockt. Daneben gab es weitere Versionen für Nintendo. Der große Unterschied bei der Pokémon Go App besteht nun darin, dass das Spiel in der realen Welt abläuft. Digitale Monster, Prämien und Kontrahenten begegnen einem überall im Alltag, und das scheint so realistisch zu sein, oder zumindest die Spieler dermaßen einzunehmen, dass diese völlig darin versinken, und die Grenzen zwischen beiden Welten immer mehr verwischen.

Das ist das neue und faszinierende an dem Spiel. Man läuft in der Stadt oder auf dem Lande mit dem Smartphone im Anschlag umher und wenn ein freilaufendes Pokémon auftaucht, vibriert das Handy, kurz anvisieren mit dem Touchscreen, und mittels eines Pokéballs einfangen. Fertig, wieder eines erledigt, und sich selbst stärker gemacht. Ziel ist es, die über 100 verschiedenen Pokémons zu fangen und dadurch den eigenen Avatar mächtiger zu machen. Das ist die ganze Krux. Klingt zwar nach einem Kinderspiel, macht aber wie Haribo Erwachsene genauso glücklich, und alle zusammen verrückt. Einen durchaus positiven Effekt löst das Spiel bei Kinder und Jugendlichen aus. Die Generation Spielkonsole verlässt tatsächlich wieder das Haus und bewegt sich in freier Wildbahn. Spielende Kinder auf den Straßen – viele kennen das nur noch aus den Nachkriegserzählungen ihrer Großeltern. Aber das ist leider nur eine Seite der Medaille. Dadurch, dass die Pokémon Go App die Spieler derart in seinen Bann zieht, setzen sich diese ungeahnten Gefahren aus. Nicht nur chronischer Schlafmangel und Verweise in der Schule und am Arbeitsplatz sind die Folgen. Nein, es herrscht sogar Lebensgefahr bei unsachgemäßer oder übertriebener Nutzung von Pokémon Go.

Die Pokémon Go App spielt mit dem Leben

Das Spiel ist erst wenige Tage im Umlauf und schon überschlagen sich die Meldungen von bedenklichen Vorkommnissen in Verbindung mit der Pokémon Go App. Tatsächlich geht eine tödliche Gefahr von diesem Spiel aus. In den USA ist ein Autofahrer, der am Steuer spielte, gegen einen Baum gefahren, und dabei nur knapp dem Tode entronnen. Auf Highways kommt es zu Karambolagen, und in Kalifornien wurde ein Mann gar niedergestochen, als er gerade Pokémon Go zockte. Das völlig in das Spiel vertiefte Opfer hatte die Täter nicht kommen sehen. Ergebnis: Sechs Messerstiche und das Pokémon ist auch weg.

In Deutschland häufen sich ebenfalls entsprechende Meldungen. In Bochum stoppte die Polizei einen auffällig gewordenen Autofahrer, der auf seiner Jagd nach Pokémons Schlangenlinien fuhr und zur Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer wurde. Das Highlight solcher Vorfälle lieferten jetzt drei Pokémon-Jünger aus Lüneburg, die auf ihrer Jagd nach den kleinen virtuellen Monstern fast selbst zum realen Jagdwild wurden. Sämtliche Warnhinweise ignorierend – weil vor lauter Spielwahn nicht gesehen – fanden sich die drei Pokémon-Jäger plötzlich auf einem Übungsplatz der Bundeswehr wieder, auf dem gerade mit scharfer Munition geschossen wurde. Die darauffolgende Anzeige wegen unbefugten Betretens militärischen Speergeländes ist definitiv noch das kleinere Übel; die Geschichte hätte schlimmer ausgehen können.
Dass die Pokémon Go App nicht nur die Grenzen zu gefährlichen Lebenssituation überschreitet, sondern teilweise auch die des guten Geschmacks, beweist der Umstand, dass nicht einmal das Konzentrationslager Auschwitz vom Pokémon-Wahn verschon wird.

Nach öffentlichen Beschwerden soll das KZ aber nicht länger Spielort bleiben. Die Spieler von Pokémon Go sind nicht nur skrupellos, sie sind auch unersättlich. Am letzten Samstag schließlich brachen weltweit sämtliche Server zusammen. Nichts ging mehr. Offensichtlich hatten einige Millionen Spieler dieselbe Idee, und wollte das Wochenende zum ausgiebigen Zocken nutzen. Was gibt es Schöneres, als bei schönem Wetter draußen zu sein? Dank Pokémon Go App zieht es jetzt Massen von Stubenhockern hinaus, und mehr noch, sie bewegen sich. Denn ohne Bewegung funktioniert das Spiel nicht. Je mehr Strecke man zu Fuß zurücklegt, desto größer die Chance, seltene Pokémons zu fangen.
Dieser Wahnsinn bleibt natürlich nicht verborgen und besonders schlaue Menschen wittern in ihm eine Geschäftsidee. So versuchen Cafés, Restaurants und andere Läden mit Hilfe von Pokémons Kunden zu akquirieren. Die Besitzer legen Köder für seltene Pokémons aus, und hoffen dadurch, dass Pokémon-Jäger in ihre Läden kommen, und der ein oder andere von der Jagd ermüdete Spieler auch etwas kauft oder verzehrt. Man sieht also, die Pokémon Go App ist eine komplexe Angelegenheit. Vom harmlosen Handyspiel, über lebensgefährliche Jagdmethoden, bis hin zu gewissenlosen Geschäftsmodellen reicht die Spannbreite. Deshalb Augen auf beim Spielen!