Uncanny Valley – Warum wir menschenähnliche Roboter gruselig finden

Unterhaltung von Daniel am 14.09.2016

Der japanische Wissenschaftler Masahiro Mori stellte 1970 die Hypothese auf, dass Menschen zunehmend positiv auf Roboter reagieren, je menschenähnlicher sie sind, was sich aber nur teilweise bestätigte. Die liebenswertesten Exemplare sehen aus wie Staubsauger und ähneln uns nur in ihrem Verhalten. Kommen die künstlichen Wesen ihren Vorbildern zu nah und sehen annähernd echt aus, schlägt die Sympathie ins Gegenteil um und sie wirken gruselig. Werden die Kopien annähernd perfekt, bleibt der beängstigende Effekt wieder aus und wir akzeptieren sie als unseresgleichen. Der dadurch zu verzeichnende Einbruch der Sympathiekurve wird „Uncanny Valley“ genannt, die Akzeptanzlücke, oder wörtlich übersetzt, „das Tal des Unheimlichen“.

Uncanny_Valley -Diagramm
Quelle: hilaryandheruniverse.files.wordpress.com

Tierische Helden

Ein gutes Beispiel für das Phänomen Uncanny Valley ist die Beliebtheit der Star Wars-Droiden, Han Solos Co-Piloten Chewbacca oder E.T., die optisch mit Menschen wenig gemeinsam haben,  allerdings für uns nachvollziehbare und sympathische Verhaltensweisen wie Loyalität, lustige Reaktionen oder Empathie an den Tag legen.  Hier entwickelt der Zuschauer keine unterbewusste Erwartungshaltung und rechnet erst gar nicht mit menschenähnlichem Verhalten. Überraschung und Sympathiebonus sind dann umso höher, wenn eine rollende Blechkugel ohne Arme und Hände ein „Thumbs up“ Zeichen improvisiert, Roboter „Chappie“ im Gangster-Slang spricht oder Chewbacca emotional ergriffen seinen Kollegen verteidigt.

Fremdartige Bewegungsabläufe irritieren nicht und rufen kein mulmiges Gefühl hervor. Aus diesem Grund wurden in „Avatar“ nur die Na‘vi und die Umgebung vom Computer erzeugt, Menschen aber durch echte Schauspieler dargestellt. Auch Pixar geht in seinen Animationsfilmen wie „Findet Nemo“ kein Risiko ein und nimmt einfach Tiere als Helden, damit der Uncanny Valley-Effekt nicht eintritt.

BB-8
Star Wars 7 – Quelle: YouTube

Lebende Tote im Tal des Unheimlichen – Uncanny Valley

Dagegen fällt es uns schwer, eine emotionale Bindung zu Protagonisten wie der CGI-Version von Tom Hanks in „Polar Express“ oder dem Helden in „Beowulf“ aufzubauen: Bei annähernd humanoiden Zügen fallen Unstimmigkeiten auf und weichen unangenehm von dem ab, woran wir gewohnt sind und was wir als vertraut und ungefährlich einstufen. Einer der Gründe dafür ist eine Diskrepanz zwischen Aussehen und Bewegungsabläufen der Protagonisten, wenn beispielsweise ein alter Mann plötzlich hochakrobatische Bewegungen vollführt wie bei der computergenerierten Ausgabe von „Eine Weihnachtsgeschichte“.

Sobald wir störende, künstliche oder fremdartige Eigenschaften bei Wesen feststellen, die sonst menschlich auf uns wirken, entsteht das Gefühl, es mit lebenden Leichen zu tun zu haben. Ein Effekt, der sich bei Zombies oder gewollt beängstigend wirkenden Kreaturen wie den Cyborgs bei „Terminator“ zunutze gemacht wird, aber die Illusion des Eintauchens in eine Fantasiewelt zerstört, wenn er nicht gewollt ist.

Der Polarexpress
Der Polarexpress – Quelle: youtube.de

Besuch im Wachsfigurenkabinett

Allerdings müssen nicht unbedingt unpassende Eigenschaften kollidieren, auch die künstliche Optik selbst kann eine Schwelle erreichen, die uns unangenehm berührt. Man hat bestenfalls das Gefühl, es mit extrem realistischen Wachsfiguren zu tun zu haben, vor allem Ebenbilder wirklich existierender Schauspieler geben uns das Gefühl eines Besuchs bei Madame Tussauds. In Experimenten wurden Fotos von Puppengesichtern mithilfe von Morphing-Software schrittweise in die von Menschen verwandelt, und genau an der Grenze zur Lebendigkeit hatten die Testpersonen ein unangenehmes Gefühl.

Creepy Girl
Der menschliche Android „Repliee Q2″ der Firma Kokoro Company Ltd – Quelle: boagworld.com

Die Berechnung des Unberechenbaren

In einem anderen Test wurde entweder der Detailgrad oder die Form von Gesichtern dem Photorealismus maximal angenähert. War beides extrem wirklichkeitsnah, empfanden die Beobachter es als positiv: Das Problem „Uncanny Valley“ war sozusagen überwunden. Waren die Proportionen unrealistisch und die Details haben gefehlt, störte ebenfalls nichts, da die Darstellung an Comics erinnerte und keinen Anspruch auf Menschenähnlichkeit suggerierte.  Waren allerdings bei menschlichen Gesichtern nur detailarme Konturen und keine Hautstrukturen zu erkennen, wirkte wieder alles leblos, puppenhaft und unsympathisch. Hier versuchen Film – und Videospielindustrie entgegenzuwirken, indem sie ihren Figuren Imperfektionen wie Muttermale, Dreitagebärte oder Narben verleihen, um sie dadurch sympathischer und menschlicher zu gestalten. Es ist allerdings fraglich, ob Rechner jemals leistungsstark genug werden, um Zufall und Chaos zu berechnen oder es zumindest soweit zu simulieren, dass dem Zuschauer nichts mehr auffällt.

Die Horrorshow der Reichen und Schönen

Umgekehrt findet zu Zeiten von Photoshop und plastischer Chirurgie die Entwicklung in Richtung Uncanny Valley auch außerhalb virtueller Welten statt, weshalb Facelifting und aufgespritzte Lippen auch eher auf Missfallen stoßen, sobald sie ein sehr subtiles Maß überschreiten. Der amerikanische Mensch-Maschine-Interaktionsforscher MacDorman zählt Michael Jackson am Ende seiner Karriere und nach seinen zahlreichen OPs zu den „Bewohnern des Tals des Unheimlichen“, wohingegen er ihm in seiner Jugend das ideale, natürliche menschliche Gesicht zusprach. Es ist also nicht unbedingt von Vorteil, einem vermeintlichen Ideal hinterherzurennen, was eigentlich gar nicht so richtig in diese Welt gehört.

Joan Rivers
Joan Rivers – Quelle: nyppagesix.files.wordpress.com