Digitale Welt – Leben wir schon in der Matrix?

Mode & Lifestyle von Daniel am 08.10.2016

Die meisten von uns betreten die digitale Welt zumindest in Form des Internets mehrmals am Tag, verbringen Stunden beim Chatten, Kommentieren, Teilen, Liken und Lesen von Blogs. Digitalisierung ist Alltag, und die ständigen Innovationen lassen schnell vergessen, wie tiefgreifend sich unsere Welt in den letzten Jahren verändert hat… oder was Tipp-Ex nochmal war. Was fasziniert uns so sehr in der digitalen Welt (abgesehen von ihrem praktischen Nutzen und dem technischen Fortschritt an sich), dass sie vor allem auch die Entertainment-Branche revolutionieren konnte?

Mann mit Laptop und Handy

Die „reale“ Welt, mit der wir aufgewachsen sind, setzen wir mehr oder weniger bewusst in Kontrast zum virtuellen Raum. Dort können wir tasten, riechen und schmecken: Sinnesreize, die – zumindest bislang – nicht virtualisierbar sind. Allerdings wird die digitale Welt beim Simulieren der Realität immer perfekter und erweitert diese sogar noch um Bereiche, bei denen der User gar keinen Anspruch auf Realitätsnähe erhebt: Wir treiben uns gemeinsam in Fantasiewelten herum, bekämpfen Orks, sind plötzlich Ritter oder Magier, und werden Titelhelden von Action-Blockbustern. Alles Dinge, die uns die reale Welt nicht bietet und bei denen wir deshalb keine Vergleiche heranziehen. Was nicht perfekt passt, wird von der Fantasie ergänzt.

Digitales Seelenleben

Wahrscheinlich spielen die eigenen Projektionen und die Verknüpfung der digitalen Welt mit unserem Innenleben auch eine mindestens ebenso wichtige Rolle für unsere Psyche, wie etwa beim Fotorealismus: Ein Like unseres Kommentares oder der rot leuchtende Button unseres Posteingangs bei Facebook bescheren uns den gleichen Dopamin-Flash wie das erfolgreich abgeschlossene Videospiel mit täuschend echten Gesichtern und Bewegungsabläufen, die von echten Menschen übernommen wurden. Zusätzlich zur unmittelbaren, offensichtlichen Faszination, die ein vollkommenes Hineinversetzen in eine künstliche und optisch faszinierende Welt (die sogenannte Immersion) auf uns ausübt, ist die digitale Welt auf subtile Art direkt mit unserer Psyche verknüpft: Das virtuelle Erfolgserlebnis ist für unser Gehirn nicht von einem echten zu unterscheiden, der Dopaminschub ist derselbe.

Uncharted 4
Das Videospiel „Uncharted 4“ (© www.technobuffalo.com)

Die digitale Welt wird zur Sucht

Da das alles ohne größere Mühe geschieht, kann man das Ganze sogar mit dem „High“ nach einer Nase Koks vergleichen, und ähnlich speichert es das Unterbewusstsein auch ab. Chinesische Forscher fanden sogar heraus, dass sich bei Internetsucht die Andockstellen für die Glückshormone im Kopf verringern – ähnlich wie bei regelmäßigem Konsum harter Drogen. Der Körper wirkt dem ständigen Überangebot an Dopamin entgegen und verringert die Anzahl der Rezeptoren. Das Resultat ist eine allgemeine emotionale Abstumpfung, wie man sie von Dauerkoksern kennt. Kommt zu den ermogelten Glückszuständen noch ein atemberaubendes audiovisuelles Erlebnis, wird auch klar, wie groß die Versuchung sein kann, einen Großteil seiner Lebenszeit in der digitalen Welt zu verbringen – statt in echter, menschlicher Lebenszeit. Im Falle von Multiplayerspielen findet das dann auch noch in Interaktion mit echten, menschlichen Mitspielern überall auf der Welt statt.

Was ist Realität?

Einer Studie der Stanford Universität zufolge ordnet das Gehirn alle visuellen Medien, die einfachen praktischen Zwecken dienen, zunächst als real ein, da sie ja aus einer Welt stammem, in der es keine Medien gibt. Sehen wir einen Avatar auf dem Bildschirm, registriert unser Gehirn diesen in Bruchteilen von Sekunden als real. Ihn als eine Sammlung von Polygonen und Pixeln zu entlarven, kostet unseren Geist dagegen weitere Zeit. Es ist sozusagen ein weiterer „Rechenschritt“ nötig. Es wurde sogar herausgefunden, dass dieser letzte Schritt komplett deaktiviert werden kann. Kurzum, es findet eine vollständige Identifikation mit den von uns gesteuerten Computermenschen statt. Stellt man sich diesen Zustand dauerhaft vor, werden Gedanken an dystopische Zukunftsvisionen wie im Film „Matrix“ wach, wo Menschen von Geburt an in einer perfekten virtuellen Realität gelebt haben, ohne es zu wissen, während künstliche Intelligenz schon längst die Weltherrschaft übernommen hatte.

handy am Strand
(©: Matthew-Corley/Shutterstock)

Erweiterte Realität

Wir befinden uns an der Schwelle zu einer nie dagewesenen Verschmelzung zwischen Mensch und Maschine, was vor allem auch am aktuellen Trend von Augmented Reality deutlich wird: Der beabsichtigten Überschneidung von virtueller und realer Welt. Hier werden virtuelle und reale Objekte dreidimensional in Beziehung gesetzt und überschneiden sich teilweise. Das zur Zeit populärste Beispiel ist sicher Pokemon Go und sein allgegenwärtiger Hype um die Jagd nach nicht existenten Monstern, die man nur durch sein Handy sehen kann, um sie anschließend zu fangen und gegen die Exemplare seiner Freunde antreten zu lassen. Ein netter Anfang, allerdings wird noch ein bisschen Zeit vergehen, bis wir dann tatsächlich interaktive, lebensechte Thriller auf Holodecks wie bei „Star Trek“ erleben. Dient die digitale Welt nur als Erweiterung der Realität, statt einer neuen zu schaffen, ist auch das Problem der nicht erzeugbaren Sinnesreize gelöst: Sie sind alle bereits vorhanden, und so kann die perfekte Illusion inklusive Geruch und Haptik erschaffen werden. Viele nützliche Szenarien abseits des Entertainment wären denkbar, wenn die virtuelle Existenz von Personen oder Dingen annähernd perfekt wird: Das Einblenden von Gefahrenzonen und Zielen beim Militär, oder etwa Arbeitskollegen, die an Meetings teilnehmen, obwohl sie am anderen Ende der Welt sitzen.

Eine Frage der Balance

Auch wenn letzteres bislang noch Zukunftsmusik ist, hängt es jetzt schon von unserem Verhalten ab, ob die digitale Welt Segen oder Fluch ist. Es schadet nichts, sich darüber bewusst zu sein, was mit uns passiert, wenn wir uns in ihr verlieren. Und uns zu fragen, warum wir überhaupt so fasziniert von ihr sind. Praktisch bleibt es trotzdem, wenn der Kumpel gerade online ist und man sich einen Anruf sparen kann. Oder wenn man eine Bewerbung per Email verschickt.